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Von der Schwierigkeit in Paris Franzoesisch zu lernen...

von Anna Hoff

Paris. "Un crème et un peu d'eau, s'il vous plaît!" Mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht wendet sich der blondbezopfte Kellner ab und ruft die Bestellung Richtung Bar. Kurz darauf ist er zurueck: waehrend er den frischen Milchkaffee und das Glas Wasser von seinem Tablett auf den kleinen runden Holztisch umplatziert, arbeitet es merklich unter der wohl ondulierten Haarpracht. Offensichtlich entscheidet er sich fuer die Offensive um seine brennende Neugierde zu befriedigen: "Vous êtes Allemande – sind Sie Deutsche?" fragt er schliesslich. Es ist nicht zu fassen! Nicht einmal einen Milchkaffee kann ich bestellen, ohne meine Herkunft zu verraten! Es ist um Himmelswillen nicht mein Land fuer das ich mich schaeme, es sind vielmehr meine erbaermlichen Sprachkenntnisse.

Als es im vergangenen Oktober langsam kuehler wurde, die Tage kuerzer, die Baeume kahler, bin ich in dem Haus mit der Nummer 29, Rue de Mogador, im 9. Arrondissement, zwischen der Opéra Garnier und dem Gare Saint Lazare, im Herzen der wunderschoenen franzoesischen Hauptstadt eingezogen. Im Gepaeck: Taschen voller Neugierde und Aufregung, Koffer gefuellt mit Traeumen, die verwirklicht werden wollten und Kartons mit der Aufschrift: Naivitaet! 

Nun bewohne ich seit gut einem halben Jahr ein kleines Zimmer im fuenften Stock einer ca. 120m² grossen Pariser Altbauwohnung und uebe mich unter dem offiziellen Titel "jeune fille aupair" in Kindererziehung. Ich musste festestellen: diese Stadt ist gross – unsagbar gross! Es ist alles nicht so einfach, wie ich es mir ausgemalt hatte und – oh Wunder – ich bin nicht Mary Poppins! Nachdem ich im Juni vergangenen Jahres im beschaulichen Luedenscheid mein Reifezeugnis entgegen genommen hatte, gab es fuer mich nur drei Vokabeln, mit denen ich meine naehre Zukunft zu charakterisieren pflegte: Franzoesich – Paris – grosse weite Welt! Kurz und gut: ich habe mein Woerterbuch eingepackt und meinem Heimatlaendle fuer zehn Monate "Adieu" gesagt. Mittlerweile gruent es wieder gruen auf den Grands Boulevards und entlang des Seine-Ufers. Der franzoesische Weihnachtsmann hat laengst seine Arbeit niedergelegt, seine Rentiere abgesattelt und ist, wie wohl alle seine internationalen Kollegen, in die Ferien gefahren. Zur Zeit schwingt sein Leidensgenosse Monsieur Hase das Zepter, der im Osterstress die Einer bunt einfaerbt.

An diesen Tagen sitze ich im « Bon Café » am Boulevard Saint-Martin, nahe der « Place de la Republique » als ich das Interesse des ebenso behaarten wie gespraechigen Garçon wecke: "Sprechen sie deutsch?" frage ich hoeflich zurueck. "Ein bischen!" lacht er verlegen und berichtet begeistert von seiner Zeit in Berlin. Dieser junge Mann ist nur ein Beispiel. Wer als Auslaender nach Paris kommt, sollte ja nicht glauben hier Franzoesisch lernen zu koennen! Man koennte fast meinen, wenn es einmal nicht der eigene Landsmann ist, ist es ein Einheimischer mit deutschen Sprachkenntnissen, der durch den Grossstadt-Dschungel Paris spaziert und einem, wie zufaellig, den Weg kreuzt. Der weit ueber seine Landesgrenzen hinaus beruechtigte Franzose, der seine nichtvorhande Begabung fuer Fremdsprachen durch Patriotismus und Arroganz zu ueberspielen versucht, mag von der Bretagne bis zum Elsass, von der Picardi bis zur Provence seinem Klischee gerecht werden, in Paris macht er eine Ausnahme! Hier trifft Aupair auf Erasmusstudent, Tourist auf Geschaeftsmann! Nun muss ich dazu sagen, dass ich zu allem Ueberfluss auch noch in einer deutschsprachigen Familie beheimatet bin und somit nicht einmal in den Genuss des franzoesischen Kindervokabulars komme. Nein, es ist wirklich nicht einfach sich in Paris der offiziellen Landessprache zu bemaechtigen! Im Café vor der Sorbonne sitzt Kristina aus Bad Toelz am Nebentisch. Mittwochsabends im Gospelchor singt Alex aus Berlin Tenor, meinen Sprachkurs bestreite ich mit Kathrin aus der deutschsprachigen Schweiz und die Franzoesin (!) Marilyn, die mit mir montags im Jazzunterricht das Tanzbein schwingt, studiert zufaelligerweise Deutsch, war ein Jahr in Salzburg und ist hocherfreut damals Gelerntes mal wieder anwenden zu koennen. Entschuldigung, aber so geht das nun wirklich nicht! In meiner Lieblingsbar in der Naehe des Hotel der ville legt Caroline (aus Duesseldorf) ihre House-Platten auf. Seit gut zwei Jahren tingelt sie durch das Pariser Nachtleben und verdient sich so ihre Croissants. "Dann sprichst du wohl fliessend Franzoesich?" frage ich nicht ohne Neid. Sie lacht: "Wozu denn? Ich spreche englisch, das reicht!"

Langsam aber sicher finde ich mich mit dem Gedanken ab, mit nicht unbedingt perfekten Grammatikkenntnissen und nur mangelhaftem Wortschatz Ende Juni meine Zelte hier abzubrechen. Allerdings raeume ich nicht kampflos das Feld! Mit einem Rest an Motivation und durchaus gewillt mir den nasalen Akzent des francophonen Nachbarlandbewohners anzueignen, ziehe ich noch einmal in den Ring, mit dem Ziel, die Schlacht der Sprachen die letzten mir noch verbleibenden Monate zu meinen Gunsten auszutragen. Der aeltere Herr, der am Nachbartisch im "Bon Café" beinahe komplett hinter seiner entfalteten Zeitung verschwindet und mich gleich mit dahinter versteckt, erweckt in mir einen Hoffnungsschimmer - auch wenn er mir damit garantiert nur noch ein Stueckchen mehr Platz abschwatzen will: "Sie haben aber kaum Akzent, Mademoiselle", murmelt er. Und der Berlin-begeisterte Kellner lenkt ein, er habe meine Herkunft natuerlich auch nur anhand des deutschsprachigen Buches auf meinem Tisch identifizieren koennen! Wer's glaubt wird seelig - aber danke fuer die Blumen! Wenn sich mithilfe des Hauptstadtfranzosen schon nicht das Klischee des Fremdsprachenmuffels beweisen laesst, so erfuellt er wenigstens ein anderes: charmant ist er - das muss man ihm lassen!