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Erziehung nach Auschwitz

 

Theodor W. Adorno 

 

Theodor W. Adorno war Professor für Philosophie und Direktor des Instituts für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a. M. 

Er verstarb am 6. August 1969.

 

Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. (...) 

 

Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Unge-

heuerlichen, das sich zutrug. Dass man aber die Forderung, und was 

sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewusst macht, zeigt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom des- 

sen, dass die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewusstseins- und Unbewusstseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegen-

über, dass Auschwitz nicht sich wiederhole. (...)

Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Sozio-

logie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend ver-

stärkt. Seine Schriften „Das Unbehagen in der Kultur“ und ,,Massen-

psychologie und Ich-Analvse" verdienten die allerweiteste Verbreitung gerade im Zusammenhang mit Auschwitz. Wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dage-

gen aufzubegehren. (...)

 

Da die Möglichkeit, die objektiven, nämlich gesellschaftlichen und politi-

schen Voraussetzungen, die solche Ereignisse ausbrüten, zu verändern, heute aufs äußerste beschränkt ist, sind Versuche, der Wiederholung entgegenzuarbeiten, notwendig auf die subjektive Seite abgedrängt. (...)

 

Man muss die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, dass sie solcher Taten fähig werden, muss ihnen selbst diese Mecha-

nismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewusstsein jener Mechanismen erweckt. (...)

 

Erziehung wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstrefle-

xion. Da aber die Charaktere insgesamt, auch die, welche im späteren Leben die Untaten verübten, nach den Kenntnissen der Tiefenpsycho-

logie schon in der frühen Kindheit sich bilden, so hat Erziehung, welche die Wiederholung verhindern will, auf die frühe Kindheit sich zu konzen-

trieren.(...)

 

Ich möchte aber nachdrücklich betonen, dass die Wiederkehr oder Nichtwiederkehr des Faschismus im Entscheidenden keine psychologi-

sche, sondern eine gesellschaftliche Frage ist. (...)

 

Vielfach wird von Wohlmeinenden. die nicht möchten, dass es noch ein-

mal so komme, der Begriff der Bindung zitiert. Dass die Menschen keine Bindung mehr hätten, sei verantwortlich für das, was da vorging. (...)

 

Gerade die Bereitschaft, mit der Macht es zu halten und äußerlich dem was stärker ist, als Norm sich zu beugen, ist aber die Sinnesart der Quälgeister, die nicht mehr aufkommen soll. Deswegen ist die Empfeh-

lung der Bindungen so fatal. Menschen, die sie mehr oder minder frei-

willig annehmen, werden in eine Art von permanentem Befehlsnotstand versetzt. Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen. (...)

 

Der manipulative Charakter - jeder kann das an den Quellen kontrollie-

ren, die über jene Naziführer zur Verfügung stehen - zeichnet sich aus durch Organisationswut, durch Unfähigkeit, überhaupt unmittelbare menschliche Erfahrungen zu machen, durch eine gewisse Art von Emo-

tionslosigkeit, durch überwertigen Realismus. Er will um jeden Preis an-

gebliche, wenn auch wahnhafte Realpolitik betreiben. Er denkt oder wünscht nicht eine Sekunde lang die Welt anders, als sie ist, besessen vom Willen of doing things, Dinge zu tun, gleichgültig gegen den Inhalt solchen Tuns.(...)

 

Hätte ich diesen Typus des manipulativen Charakters auf eine Formel zu bringen - vielleicht soll man es nicht, aber zur Verständigung mag es doch gut sein -, so würde ich ihn den Typus des verdinglichten Be-

wusstseins  nennen. Erst haben die Menschen, die so geartet sind, sich selber gewissermaßen  den  Dingen  gleichgemacht. Dann machen sie, wenn es ihnen möglich ist, die anderen den Dingen gleich. Der Ausdruck ,,fertigmachen", ebenso populär in der Welt jugendlicher Rowdies wie in der der Nazis, drückt das sehr genau aus.(...)

Ich sagte, jene Menschen seien in einer besonderen Weise kalt. Wohl sind ein paar Worte über Kälte überhaupt erlaubt. (...)

 

Jeder Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zuwenig geliebt, weil jeder zuwenig lieben kann. Unfähigkeit zur Identifikation war fraglos die wichtigste psychologische Bedingung dafür, dass so etwas wie Au-

schwitz sich inmitten von einigermaßen gesitteten und harmlosen Men-

schen hat abspielen können. (...)

 

Es war einer der großen, mit dem Dogma nicht unmittelbar identischen Impulse des Christentums, die alles durchdringende Kälte zu tilgen. Aber dieser Versuch scheiterte; wohl darum, weil er nicht an die gesell-

schaftliche Ordnung rührte, welche die Kälte produziert und reprodu-

ziert. (...)

 

Ich fürchte, durch Maßnahmen auch einer noch so weit gespannten Er-

ziehung wird es sich kaum verhindern lassen, dass Schreibtischmörder nachwachsen. Aber, dass es Menschen gibt, die unten, eben als Knechte das tun, wodurch sie ihre eigene Knechtschaft verewigen und sich selbst entwürdigen; (...) dagegen lässt sich doch durch Erziehung und Aufklärung ein Weniges unternehmen.

 

 

(Nachdruck aus Erziehung und Wissenschaft 4/95, Seite 2)

 

 

Theateraufführungen 

und Mahnabende