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Zum Gedenken an Hans und Sophie Scholl

 

 

Diese Gedenkschrift entstand anlässlich des 125-jährigen Jubiläums unserer Schule, die seit 1959 den Namen "Geschwister-Scholl-Gymnasium" trägt. 

Sie wurde vom damaligen Leistungskurs Geschichte unter Anleitung von R. Fricke erarbeitet.

 

 

WIE ALLES ANFING

 

Im Jahre 1933 wird Hitler Reichskanzler. Nach langjährigem Kampf haben es die Nationalsozialisten geschafft, die Macht in Deutschland zu erringen. Sie sehen sich als Retter des Vaterlandes, die einen neuen Staat aufbauen, den Arbeitslosen Arbeit geben und wieder für Ruhe und Ordnung sorgen wollen.

Die  NSDAP hat auch eine Jugendorganisation, die Hitlerjugend (HJ). Durch das imposante Auftreten der HJ werden auch die Geschwister Hans und Sophie Scholl zum erstenmal mit der Politik ihrer Zeit konfrontiert. Da sie beide Natur und Heimat  lieben, fühlen sie sich von der Hitlerjugend emotional angesprochen, die Vaterlandsliebe, Ordnung, Kameradschaft und Volksgemeinschaft propagiert. 

 

Auch die beiden Geschwister wollen ihren Teil zum "neuen Deutschland" beitragen, und so treten 1933 der l5 jährige Hans und seine drei Jahre jüngere Schwester Sophie in die HJ ein.  Der Eintritt geschieht gegen den Willen ihres Vaters, der dem Nationalsozialismus ablehnend gegenübersteht und dafür auch mehrmals verhaftet wird.

Doch  seine   Kinder  hören  nicht auf die Warnungen und machen sogar in kurzer Zeit in der HJ "Karriere". Hans wird Fähnleinführer und ist damit für mehrere Gruppen verantwortlich.

 

Ernüchterung stellt sich jedoch ein, als er 1936 als Fahnenträger zum Parteitag entsandt wird. Dort ist er von dem gedankenlosen Fanatismus der Massen und von der bedingungslosen Unterordnung des Einzelnen erschreckt. Völlig irritiert kehrt er nach Hause zurück.

Allmähliche persönliche Einschränkungen entfremden ihn zunehmend von der HJ. Es wird ihm verboten, aus Büchern seiner Lieblingsautoren, die wegen Verbreitung "undeutschen Gedankengutes" in Ungnade gefallen sind, in der Gruppe vorzulesen und Lieder der verbotenen bündischen Jugend zu singen.

Schließlich kommt es zum Eklat, als sich seine Jungengruppe einen prachtvollen Banner mit einem Sagentier genäht hat. Die Fahne hat für die Jungen einen besonderen ideellen Wert, da sie dem Führer geweiht und das Symbol ihrer Gemeinschaft ist. Bei einem Appell wird Hans von einem höheren HJ-Führer befohlen, die Fahne abzunehmen und künftig nur noch die offiziell vorgeschriebene zu benutzen. Hans und seine Gruppe weigern sich; es kommt zum Handgemenge, und Hans versetzt dem HJ-Führer eine Ohrfeige. Von da an ist Hans seines Postens enthoben.

Nach diesem Vorfall schließt sich Hans 1937 der "Deutschen Jungenschaft 1.11." an, die wie viele 1933 verbotenen bündischen Organisationen in der Illegalität weiterarbeitet. Hier findet Hans im Kreise Gleichgesinnter die aufgeschlossene Haltung, die es ihm ermöglicht, die Bücher der verfemten Dichter zu lesen, seine Lieder zu singen und sich frei mit philosophischen Fragen zu beschäftigen.

 

Eine  ähnliche Entwicklung wie Hans macht auch seine Schwester Sophie durch. Auch bei Sophie sind es die kleinen alltäglichen Erlebnisse in der HJ und später beim Arbeitsdienst,  die ihr die geistige Enge des Systems verraten. Dazu kommt die Anteilnahme am Schicksal aus dem Schuldienst entfernter Lehrer und jüdischer Klassenkameraden. Seit Hans der Jungenschaft beigetreten ist, beschäftigt auch sie sich intensiv mit dem Gedankengut und dem eigenwilligen Lebensstil dieser illegalen Bewegung.

Doch 1937 ist Deutschland bereits ein gut funktionieren Überwachungsstaat, in dem kleine Abweichungen von der befohlenen politischen Linie mit empfindlichen Strafen gesühnt werden. So bleiben der Gestapo die illegalen Aktivitäten der Jungenschaft 1.11. nicht verborgen, und Hans, Sophie und ihre Freunde werden wegen "bündischer Umtriebe" verhaftet. Die l6 jährige Sophie wird wieder freigelassen, doch der l9 jährige Hans muss 5 Wochen in Haft bleiben.

Der Schock der Inhaftierung ist so tief, dass beide Geschwister endgültig mit dem Nationalsozialismus brechen!

 

 

KEIMENDER WIDERSTAND

 

Im Jahre 1939 beginnt Hans sein Medizinstudium an der Münchner Universität.  In dieser Zeit befindet sich Deutschland in einer unbeschreiblichen  Siegeseuphorie. Die eindrucksvollen Siege der deutschen Wehrmacht in den kommenden 3 Jahren lassen das Volk unter dem Kriegsdruck zusammenrücken. Gruppierungen, die früher dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden, besinnen sich nun ihrer "patriotischen Pflicht" und unterwerfen sich vorbehaltlos dem Nationalsozialismus.

 

Die gleiche Kriegsbegeisterung herrscht auch bei den sogenannten Sanitätskompa-

nien, denen die vom Wehrdienst freigestellten Medizinstudenten zugeordnet wer-

den. Die feste Einordnung in die militärischen Verbände, die auch zeitweilig zum Fronteinsatz herangezogen werden, reduziert zwar das Privatleben, ermöglicht aber zugleich auch ein Weiterstudieren in Kriegszeiten und räumt den Soldaten in den Heimatstandorten ungewöhnlich große Freiheiten ein. Nur durch  diese günstigen Bedingungen wird der spätere Widerstand erst möglich.

 

In der Sanitätskompanie lernt Hans im Laufe der Zeit die Freunde kennen, die auch später dem engsten Kreis der Widerstandsgruppe angehören. Die sich allmählich formierende Widerstandsgruppe wird zunächst durch den Literaturzirkel der Familie Schmorell  beeinflusst. Später wird der Kontakt zu den Herausgebern der katholi-

schen Zeitschrift "Hochland", Muth und Haecker,  prägend, denen es bis 1941 gelingt, mit ihrer Zeitschrift geistigen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten.

 

Stark  beeindruckend  wirken auf sie die Predigten des Münsteraner Bischofs Graf von Galen, der kompromisslos die Tötung "unwerten Lebens" und andere Übergriffe des Staates öffentlich kritisiert. Die Predigten zirkulieren in katholischen Kreisen, die für  absolut zuverlässig gehalten werden. Die Predigten bestärken die Studenten in der  Hoffnung, dass nun auch der offizielle kirchliche Druck zunimmt, und bekräfti-

gen sie in der  Überzeugung, dass es eine christlich-moralische Pflicht ist, gegen das erkannte Unrechtsystem anzugehen.

 

Die jahrelange Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die Judenverfol-

gung, das Euthanasieprogramm, die grausamen  Erfahrungen als Sanitätsoffiziere 

an der Front und die offene Lethargie der Massen führen zum Aufstand des Gewissens, zum aktiven Widerstand. Die Frage nach den Formen des Widerstandes hat sich rasch auf den  Widerstand mit Flugblättern reduziert. Gewaltsamer Widerstand  gegen die Obrigkeit, soweit dieser unter den gegebenen Verhältnissen überhaupt möglich ist, wird von den Mitgliedern der Gruppe abgelehnt: "Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen". Die  Gruppe ist der Auffas-

sung, dass auch eine von Gott abgefallene Staatsführung Teil der von ihm einge-

setzten Ordnung ist. Dies darf den Christen jedoch nicht davon  abhalten, die Tyrannei zu beseitigen und durch eine gerechtere Ordnung zu ersetzen.

 

 

DIE „WEISSE ROSE“

 

Die im Schutz der Sanitätskompanie zusammengeschlossenen Widerstandskämpfer geben ihrer Gruppe den Namen "Weiße Rose". Es kann nicht mehr genau festgestellt werden, welche Inhalte die Gruppe mit dem Symbol verband. Es wird angenommen, dass die weiße  Rose Ideale  wie Verschwiegenheit, Treue, Reinheit und Unschuld darstellen sollte.

Der innere Kreis der Gruppe, der allein für die Flugblätter und Aktionen verantwort-

lich ist, besteht aus Hans Scholl, Alexander  Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf. Später kommen Sophie Scholl und Prof. Kurt Huber als geistiger Mentor hinzu.

 

Bei der Zusammensetzung der Gruppe fällt auf, dass sie trotz der individuellen Ver-

schiedenheit der einzelnen Mitglieder ein gemeinsames geistiges  Fundament  hat. Dies  beruht auf Prägung durch die christlich-bürgerlichen Elternhäuser und auf dem  Einfluss ihrer geistigen Mentoren Huber, Haecker und Muth, die einen religiös-konservativen Idealismus vertreten. Frau Scholl war früher Diakonissin und erzog ihre Kinder im Geiste des protestantischen Glaubens.

Alexander Schmorell wurde aufgrund seiner russischen Vorfahren im russisch-

orthodoxen Glauben erzogen.

Sein Kamerad Christoph Probst kam aus einem Elternhaus, in dem Kunst, Literatur und religiöse Toleranz gepflegt wurden. Willi Graf genoss eine strenge katholische Erziehung und war Mitglied  des katholischen Jugendverbandes "Neu-Deutschland".  Nach  der  Auflösung  des  ND  schloss er sich einem illegalen katholischen Elitebund   "Grauer  Orden"   an, über den später  viele Kontakte zu verschiedenen Widerstandsgruppen liefen.

 

 

AKTIVER WIDERSTAND

 

Mitte 1942 sind die mit großer Vorsicht durchgeführten Vorbereitungen zur Her-

stellung  von Flugblättern abgeschlossen. Als Vorbild dienen die Briefe des Bischofs Graf von Galen.

 

Im ersten Flugblatt gehen sie auf den von Schiller beschriebenen Staat des Lycur-

gus ein. Lycurgus, der sagenhafte Begründer der spartanischen Verfassung, will ein "in sich selbst gegründeten, unzerstörbaren Staat" schaffen. 

Der oberste Zweck ist der Staat selber, die Menschen werden zu Objekten, zu Sklaven des Staates degradiert. Ein Vergleich zum Nationalsozialismus bietet sich an, denn auch hier sind die Menschen „bar jeder Individualität“ und zu einer "geistlosen und feigen  Masse" geworden. Daraus ergibt sich der Appell an die "ehrlichen  Deutschen", sich der "willenlosen Herde von Mitläufern" entgegen zu stellen und sich auf die freigegebene Freiheit zu besinnen. Dem Hitlerregime, der Verkörperung des Bösen, soll als positiver Wert die abendländische Kultur entgegengestellt werden.

 

Das zweite Flugblatt beginnt mit der Feststellung, dass man sich "mit dem National-

sozialismus geistig nicht auseinandersetzen kann, weil er ungeistig ist. Es ist falsch, wenn man von einer nationalsozialistischen Weltanschauung spricht, denn  wenn es diese gäbe, müsste man versuchen, sie mit geistigen Mitteln zu beweisen oder zu bekämpfen."   -   Es folgt der Aufruf an die "deutsche Intelligenz im Kellerloch", sich vom "Krebsgeschwür" des Nationalsozialismus "in einer letzten, gewaltigen Anstrengung" zu befreien.

Die religiöse Motivation zwingt dazu, die Katastrophe noch als Positivum zu  sehen, nämlich  als Katharsis, als notwendige Reinigungsfunktion von den Sünden.

Im scharfen Ton werden die Verbrechen an den polnischen Juden, gleichzeitig aber auch der "stumpfe, blöde Schlaf" des gleichgültigen deutschen Volkes als unverzeihliche Mitschuld angeprangert. Es folgt die Aufforderung, die Apathie zu überwinden, und es wird als "höchste und heiligste Pflicht" empfunden, die "braune Horde auszurotten". Das Flugblatt schließt mit den Vorstellungen Laotses über einen Staat, der sich als "lebendiger Organismus" versteht.

 

Das dritte Flugblatt ist mit der Maxime überschrieben: "Salus publica suprema lex", die mit der gegenwärtigen "Diktatur des Bösen" kontrastiert. Die augustinische Vorstellung  vom utopischen Gottesstaat wird als Vorbild angeführt. Die Beseitigung des NS-Staates ist daran gemessen nicht nur legitimes Recht,  sondern zugleich sittliche Pflicht. Erstmalig wird der Widerstand konkretisiert: "An allen Stellen muss der  Nationalsozialismus angegriffen werden, an denen er angreifbar ist!" - Das bedeutet Sabotage der Kriegsindustrie, der Wissenschaften, der Kultur, der Kund-

gebungen und Sammlungen.

Den  Abschluss bildet ein Zitat aus der aristotelischen Schrift "Politeia", in der das Wesen der Tyrannis dargestellt wird. Die  Parallelen zur  Praxis des Dritten Reiches werden dabei offenbar.

 

Das vierte Flugblatt drückt am stärken die religiösen Vorstellungen der "Weißen Rose" aus. Zunächst äußern die Autoren die Ansicht, dass der Krieg nicht mehr gewonnen  werden kann und die scheinbaren Erfolge nur unter den  "grausamsten Opfern erkämpft"  werden konnten. Es folgt eine Vielzahl apokalyptischer Bilder, die die eschatologische Seite des Krieges verdeutlichen sollen. Die Notwendigkeit des Widerstandes  wird  daher auch nicht mit politischen, sondern religiösen Argumen-

ten begründet. Ein  zukünftiger deutscher Staat und das neu entstehende Europa müssen nach einem Prozess der Reinigung auf dem Christentum beruhen.

Ende Juli werden die Sanitäter zum Fronteinsatz eingezogen und haben erst im November wieder Gelegenheit,  ihre Arbeit fortzusetzen. Sie verzichten jedoch vorerst auf weitere Flugblätter, versuchen aber, ihren Widerstand räumlich auszu-

dehnen, indem sie zu anderen Widerstandskreisen Kontakt aufnehmen.

 

Im Januar 1943 wird dann das fünfte Flugblatt gedruckt. Es ist überschrieben mit dem "Aufruf an alle Deutschen". In politischer Hinsicht zeigt sich eine realistischere Einschätzung der Lage als in den früheren Flugblättern. Die sich abzeichnende militärische Katastrophe im Osten wird offen genannt: "Hitler kann den Krieg nicht mehr gewinnen, nur noch verlängern". Wieder wird der eschatologischen Enderwar-

tung Ausdruck verliehen:   "Die  gerechte   Strafe   rückt  näher". Daher ist es nötig, dass der "bessere Teil des Volkes" einen  neuen "Befreiungskrieg" gegen das "nationalsozialistische Untermenschentum" entfacht. Erstmalig werden konkrete politische Zukunftsgedanken für ein Nachkriegsdeutschland formuliert.

  • Der Imperialismus muss unschädlich gemacht werden,

  • der preußische Militarismus muss verschwinden

  • der zentralistische Staat durch einen Föderalismus ersetzt,

  • der autarke Wirtschaftsgedanke aufgegeben werden,

  • die  Arbeiterschaft muss sich durch einen vernünftigen Sozialismus befreien,

  • und  der Staat muss Garant der Freiheit und der individuellen Bedürfnisse des Bürgers werden.

Im Januar 1943 verändert sich die Stimmung in München; hervorgerufen durch die anmaßende Rede des Gauleiters bei der 470-Jahr-Feier der Universität und durch die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad. Die "Weiße Rose" sieht sich in ihren Voraussichten bestätigt und erwartet den unmittelbaren Zusammenbruch des Regimes. Daraufhin entschließen sich die Studenten Anfang Februar 1943, die Stadt in nächtlichen Aktionen mit Wandparolen  wie "Freiheit" oder "Nieder mit Hitler" zu überziehen.

 

Auf diesem Hintergrund entsteht das letzte Flugblatt, geschrieben von Prof. Huber. Er beschäftigt sich mit dem Stalingrad-Desaster und kommentiert den Untergang der 6. Armee mit: "Führer, wir danken dir!"

Er übt konkrete Kritik an der NS-Politik, indem er "die Führerauslese,  wie sie teuflischer und bornierter zugleich nicht gedacht werden kann", anprangert und das Heranziehen "künftiger Parteibonzen auf Ordensburgen zu gottlosen, schamlosen und gewissenlosen  Ausbeutern und Mordbuben, zur blinden, stupiden Führergefolg-

schaft" entlarvt. Er greift die Zwischenfälle zur 470-Jahr-Feier mit der Aussage auf: "Gauleiter greifen mit geilen Späßen  den Studentinnen an die Ehre". Daraus ergibt sich auch für ihn die Forderung: "Kampf gegen die Partei".

"Freiheit und Ehre! Zehn Jahre lang haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichsten deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die  die  höchsten  Werte einer Nation vor die Säue werfen."  -  Der  Aufruf zum Widerstand richtet sich bewusst an die "Arbeiter des  Geistes" und bezeichnet die Toten von Beresina und Stalingrad als Fanal für den Aufstand.

Dieses  Flugblatt  wird  zum Teil verschickt oder von Hans und Sophie in der Universität verteilt.

 

 

VERHAFTUNG UND HINRICHTUNG

 

Am  18.02.1943  werfen  die  Geschwister Scholl die restlichen Flugblätter vom obersten Stockwerk der Universität in den Lichthof. Doch sie werden vom Pedell entdeckt. Der Versuch, in der Menge der aus den Vorlesungen kommenden Stu-

denten unterzutauchen, misslingt. Die schon seit Monaten durch die Flugblätter und Wandparolen alarmierte Gestapo verhört die Geschwister sofort. Trotz der Bemühungen, die ganze Schuld auf sich zu nehmen, um so die Anderen zu schüt-

zen, gelingt es der Gestapo durch Hausdurchsuchungen und bereits zusammen-

getragenes Material, in den folgenden Wochen auch die anderen Mitglieder der "Weißen Rose" zu verhaften. 

 

Um ein Exempel zu statuieren, wird der Prozess bereits 4 Tage nach der Festnahme angesetzt. Das Interesse des Regimes zeigt sich in der Tatsache, dass Roland Freisler, der  Präsident  des  Volksgerichtshofes, eigens von Berlin nach  München fliegt, um in dem Prozess gegen die Mitglieder der "Weißen  Rose" den Vorsitz zu führen. Nach einem 3 ½ stündigen Prozess wird "Recht" gesprochen. Die Geschwister Scholl und Christoph Probst werden wegen Feind-

begünstigungen, Hochverrat und Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt noch am selben Tage hingerichtet.

In  zwei weiteren Prozessen werden Prof. Huber, Willi Graf und Alexander Schmorell sowie weitere Freunde der Gruppe zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die Hoffnungen der "Weißen Rose", dass es durch ihre Verhaftungen zu einem Aufstand der Studenten kommen würde, bleibt ebenso unerfüllt wie der Glaube, die Invasion der Alliierten würde in spätestens 8 Wochen erfolgen.

 

 

DAS ANDENKEN DER WEISSEN ROSE

 

So bleibt die Resonanz auf Wirken und Tod der Widerstandskämpfer in Deutschland, bedingt durch eine zensierte Presse, gering. Um so stärker ist die Erschütterung über die Hinrichtungen in ausländischen Presse- und Rundfunkmeldungen. Für das Ausland repräsentiert die Weiße Rose das "bessere Deutschland". Gegen Ende des Krieges werden von englischen Flugzeugen die ins Ausland geschmuggelten Flugblätter über Deutschland abgeworfen. So hat das Vermächtnis der Weißen Rose über den Tod hinaus noch in die Kriegswirren der letzten Monate hineingewirkt.

 

Bereits kurz nach Kriegsende wird der Widerstand der Geschwister Scholl und ihrer Freunde durch alljährliche, offizielle Gedenkfeiern gewürdigt. Besonders junge Menschen empfinden das radikale Engagement der Widerstandskämpfer als Ermutigung für einen neuen Anfang. Diese Identifikation löst die resignative Versagenshaltung der Stunde Null ab und findet ihren Niederschlag darin, dass viele Straßen, Plätze und öffentliche Einrichtungen  den  Namen der Geschwister Scholl erhalten.  In der Phase dieser  Aufbruchstimmung wird auch das Lüdenscheider "Neusprachliche Mädchengymnasium" 1959 in "Geschwister-Scholl-Gymnasium" umbenannt. So sagte der damalige Stadtdirektor Dr. Brinkmann zur Begründung der Namensnennung: "... Die Geschwister Scholl entschieden sich für den Kampf und schufen so mit an der neuen Grundlage für unsere geistige und kulturelle Existenz. Diesen Boden weiter zu pflegen und zu hüten, das soll die Aufgabe der neuen Schule sein, um eines Tages dort, wo es Not tut, für das eigene Leben und das der Mitmenschen einstehen zu können."

 

 

DISKUSSION UM DIE "WEISSE ROSE"

 

War das Bild der Geschwister Scholl bisher unangetastet, entstanden seit Ende der Fünfziger Jahre leidenschaftliche Diskussionen um fragwürdige Aspekte in der Geschichte der "Weißen Rose", die leider oftmals das persönliche Opfer verdeckt haben.

 

Während die eine Richtung den Mythos fördert, streben andere nach Verwissen-

schaftlichung, indem sie nach Letztbegründung für den Opfergang suchen. Darüber hinaus werden ideologische Besitzansprüche an die Botschaft der "Weißen Rose" erhoben. Diese Kontroversen haben es unserem Kurs nicht leicht gemacht, eine objektive Geschichte und eine gerechte Würdigung der Geschwister Scholl zu schreiben. Die folgenden Überlegungen nehmen daher nicht für sich in Anspruch, allgemeingültig zu sein.

 

Die Diskussion kreist um folgende Punkte:

 

  1. Problematik einer Würdigung

 

In Deutschland hatte die Würdigung der Geschwister Scholl nach dem Krieg deutlich das Gepräge eines Übermaßes an weihevoller, pathetischer und gefühlsbetonter Ergriffenheit. Diese emotionale Sicht ist aus der Nähe zu den Ereignissen und aus einem Gefühl indirekter Mitschuld verständlich. Eine solche Form der Verehrung  birgt jedoch die Gefahr in sich, dass ein traditionelles Zeremoniell  des  ursprünglichen Sinns entleert wird, weil nachfolgende Generationen die Betroffenheit nicht nachvollziehen können. So ist man vielfach dazu übergegangen, auf  Gedenkfeiern zu verzichten. Die unterschiedlichen Meinungen um die Form des Gedenkens, die an der Universität München schon zu Handgreiflichkeiten führten, machen an diesem geschichtlichen Ort die Problematik besonders deutlich.

 

 2. Motiv und Tat

 

In der Bundesrepublik wurde in den Jahren nach dem Krieg besonders das reli-

giöse Bewusstsein und das unpolitische Handeln ohne nennenswerte Reaktionen betont. Demnach standen weniger die Taten als vielmehr der Tod der Geschwister Scholl im Vordergrund. Eine Interpretationsrichtung also, die bis zu der These reicht, sie hätten ihren Widerstand als Passion, als bewusst frei-

williges Bußopfer für ihr Volk aufgefasst. So kommt es zu einer Überbetonung der sittlichen Reinheit und gläubigen Naivität. Die Gefahr besteht darin, dass den Geschwistern Scholl eine moralische Alibifunktion zugewiesen wird.

 

Demgegenüber neigt die heutige wissenschaftliche Betrachtung dazu, dass es sich nicht um leichtsinnige, jugendlich-romantische Spontanaktionen handelte, sondern wie auch der geschichtliche Abriss zeigen soll, um eine kontinuierliche Entwicklung, angefangen von den Jugenderlebnissen und den christlichen Bindungen, bis hin zu den Flugblättern und einem bewusst befreienden Tod. Durch die religiös-philosophischen Ansätze entwickelt sich aus verbalem Protest ein aktiver Widerstand. Ein Großteil dessen, was ihnen heute als illusionär angelastet wird, trifft in erster Linie ihre geistigen Mentoren, die sie mit unpolitischen, irrationalen Vorstellungen beeinflussten.

 

An der unrealistischen Einschätzung radikaler Strömungen - wie der des Nationalsozialismus - lässt sich eine generelle geistige Hilflosigkeit des liberalen Bürgertums in jener Zeit erkennen. Die Kritik an den Motiven des Widerstandes wird auch auf den aktiven Widerstand übertragen.

 

Der heute häufig geäußerte Vorwurf, die Aktionen seien leichtsinnig, versponnen  und uneffektiv gewesen, kann nicht akzeptiert  werden, weil die Erkenntnismöglichkeiten über politische, militärische und organisatorische Zusammenhänge auch für Studenten im Nationalsozialismus, besonders im Kriege, außerordentlich gering waren. Auch ein Vergleich mit anderen Widerstandsgruppen, die aus einer viel größeren Deckung heraus arbeiteten, ist nicht angemessen. Außerdem zeigt der Versuch, über die katholischen Verbände "ND" und "Grauer Orden" Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen herzustellen, die Einsicht, dass nur ein auf breiter Basis angelegter Widerstand sinnvoll sein konnte.

 

 3. Kontakte

 

An den unterschiedlichen Kontakten lässt sich zeigen, dass die "Weiße Rose" keine homogene Gruppe war, wie häufig behauptet wird. Die Kontakte, die bis zur marxistisch orientierten "Roten Kapelle" und dem "Widerstandskreis des 20. Juli" gingen, brachten die "Weiße Rose" in innere Konflikte. War es aus theologischer Sicht nicht falsch, indirekt einen militärischen Putsch zu unterstützen und sich so mit der Gewaltherrschaft des 3. Reiches auf eine Stufe zu stellen?

Auch die Frage, wer zum "besseren Teil Deutschlands" gerechnet werden könnte, wurde zum Problem.

Das letzte Flugblatt von Prof. Huber sollte mit dem Aufruf schließen: "Stellt  Euch weiterhin geschlossen in die Reihen unserer herrlichen Wehrmacht".

Scholl und Schmorell strichen die Forderung ersatzlos. Prof. Dr. Huber war darüber tief gekränkt. Die Differenzen waren unüberbrückbar und führten zum Austritt des Professors aus der Gruppe.

 

 4. Tag der Verhaftung

 

Das leichtsinnige Verteilen der Flugblätter in der Universität wird verschieden interpretiert. Die These, dass Hans Scholl bereits von seiner bevorstehenden Verhaftung gewusst und sich in einer letzten heroischen Tat bewusst geopfert habe, lässt sich nicht halten; zumal Dokumente für eine solche Behauptung fehlen. Die zusätzliche Opferung seiner Schwester ist auch nicht erklärbar.

Vielmehr kann man davon ausgehen, dass sich die Geschwister Scholl in einer extremen seelischen Verfassung befanden und daher spontan handelten. Schlafmangel, Aufputschmittel und die ständige Angst, entdeckt zu werden, ließ bei den Geschwistern wahrscheinlich eine euphorische Stimmung aufkommen, die sie gegenüber der Realität völlig unkritisch machte. Eine solche Situation kann mit vernünftigen Maßstäben nicht gemessen werden. Die Handlung ist zwar verständlich, als Vorbild damit aber absolut ungeeignet.

 

 5. Botschaft

 

Die  Diskussionsgrundlage bilden die Aussagen der Flugblätter, die uns als einzig nachweisbare Dokumente über das Gedankengut der "Weißen  Rose" erhalten sind. Viele Aussagen sind jedoch allgemein formuliert und lassen daher viele Deutungen zu. Allgemein lässt sich sagen, dass die Zerstörung des National-

sozialismus mit allen Konsequenzen das primäre Ziel der  "Weißen Rose" war und dass in einem wieder hergestellten Deutschland in Freiheit sozialistische, christliche, liberale und föderative Elemente verwirklicht werden sollten.

Das  bedeutet, dass der "Weißen Rose" weder eine parlamentarische Demokratie wie die Bundesrepublik Deutschland noch eine sozialistische Volksdemokratie vom Format der DDR vorschwebte, denn beide lagen außerhalb der Erfahrung der Studenten.

 

Die  Trennung  Deutschlands in zwei grundlegend verschiedene Weltanschau-

ungen hat bei den Vorbildern unserer gemeinsamen Geschichte leider nicht haltgemacht.

Beide Teile Deutschlands haben in einer Art "moralischer Olympiade" versucht, das Erbe der "Weißen Rose" für sich allein zu beanspruchen.

 

Die  DDR hat die Geschwister Scholl bewusst in die Reihe ihrer Widerstands-

kämpfer gestellt und unter Berufung auf das vorletzte  Flugblatt den Allein-

anspruch angemeldet. Die religiös-sittlichen Motive werden dabei bewusst vernachlässigt; der konservative Prof. Dr. Kurt Huber wird als geistiger Mentor grundsätzlich abgelehnt. Der Kranz der Jenaer Studenten mit der Aufschrift "Hans Scholl, Sophie Scholl - den Kämpfern gegen  Faschismus und Krieg", der bei einer Gedenkfeier in der Universität München niedergelegt wurde, kann bei der DDR-Definition von Faschismus nur als Provokation angesehen werden.

[Anmerkung: Dieser Text wurde 1983 geschrieben, als die DDR noch bestand] 

 

In der Bundesrepublik Deutschland werden die Geschwister Scholl als Vor-

kämpfer für die in unserer Verfassung garantierten Grundrechte gesehen. Da nach unserem Verständnis die Freiheit und die Würde des Menschen in der DDR bis heute nicht verwirklicht worden sind, erhebt die Bundesrepublik Deutschland den Anspruch, allein dem Erbe der "Weißen Rose" gerecht zu werden.

 

In diesem Zusammenhang muss deutlich gemacht werden, dass die Geschwister Scholl weniger für etwas gekämpft haben, als vor allem gegen etwas – nämlich gegen ein menschenunwürdiges Herrschaftssystem. Der frühe Tod und die kurze Zeit ihres Wirkens ließen das Ausreifen einer politischen Gesamtkonzeption nicht zu.

 

Wer sich also in der Tradition der "Weißen Rose" sehen will, der muss vor allem die sich aus der Botschaft ergebenden Verpflichtungen übernehmen, und die sind höchst unbequem! Die Forderungen gehen gegen jeden Absolutheits-

anspruch, gegen jede verordnete Ideologie und gegen jede Begrenzung der persönlichen Freiheit, wie sie auch in Demokratien anzutreffen sind.

 

 

IHR LEBEN - UNSER VERMÄCHTNIS

 

Der geistige Vater des deutschen  Gymnasiums, Wilhelm vom Humboldt, dachte sich für den jungen Menschen einen Bildungsraum, in dem er sich frei von doktrinären Einflüssen entwickeln könne.

Dabei legte er Wert auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die sich jedoch ihre moralischen Verantwortung für das Gemeinwesen bewusst sein muss.

 

Im Dritten Reich war diese freie Bildung und Entfaltung des jungen Menschen nicht möglich, weil der Nationalsozialismus eine totalitäre Ideologie war, die den ganzen Menschen für sich beanspruchte. Die Verantwortlichkeit gegenüber dem Staat und seinen Bürgern beschränkte sich auf die Ausführung von Befehlen.

 

Die Geschwister Scholl haben sich gegen diesen totalitären Anspruch des Staates und die Beschneidung der Verantwortung gewehrt. Sie haben Zeugnis abgelegt für Freiheit, Toleranz und Menschenwürde. Der  selbstlose Einsatz der Geschwister Scholl für diese Grundwerte und die Ausbildung einer über allen Zwängen stehenden moralischen Instanz sind auch heute noch Vorbild für uns und unserer Gesellschaft.

 

Gerade an unserer Schule, die den Namen der Geschwister Scholl trägt, sollten wir uns bewusst werden, dass uns das Gymnasium umfassende Möglichkeiten bietet, frei von vorgegebenen Meinungen den richtigen Umgang mit den Grundwerten zu erlernen, unsere Persönlichkeit zu entfalten und uns dadurch zu verantwortungs-

vollen Staatsbürgern zu machen. Denn unser Staat lebt und wird erst freiheitlich durch das persönliche Engagement, die "Selbsttätigkeit" des Einzelnen, wie Hum-

boldt sagt.

Diese verantwortliche Entfaltung in Freiheit soll uns Aufgabe sein und Verpflichtung, sie auch für kommende Generationen zu bewahren.

 

Sich in einer Diktatur für Würde, Freiheit und Toleranz einzusetzen und damit Widerstand gegen die bestehende Ordnung zu leisten, kann bedeuten, das eigene Leben zu opfern. Durch den freiwilligen persönlichen Entschluss, dieses Risiko zu tragen, kann Widerstand in Martyrium enden.

Die Geschwister Scholl sind diesen Weg gegangen, obschon sie das Leben als ein von Gott gegebenes Gut bejahten und hofften, das bekämpfte System zu überleben. Erst als ihnen klar wurde, dass sie den weltlichen Richtern nicht entgehen konnten, nahmen sie bewusst den erlösenden Tod hin.

Nur weil sie sich der letzten Macht unterstellt fühlten, blieben sie der vorletzten gegenüber frei. Das Geheimnis ihres Lebens war, dass sie zu dieser Quelle der Freiheit fanden.

Der Tod, der vermeidbar gewesen wäre, kann nur als persönliches Martyrium akzeptiert werden. Ihr Opfer kann damit kein allgemeingültiges Vorbild sein - dafür aber ihr Leben um so mehr!

 

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Erarbeitet vom Leistungskurs Geschichte der Oberprima der beiden Staberger Gymnasien unter Anleitung von Herrn OStR R. Fricke

Einzelthemen: Martin Dunker, Susanne Firus, Thomas Kümmel, Rainer Ludwig

Redaktion: Rainer Ludwig

  

Literaturangaben:

Deutschland zuliebe, Richard Hanser

Die weiße Rose,  Inge Aicher - Scholl

Die weiße Rose, Michael Verhoeven/Mario Krebs

Die weiße Rose, Günther Kirchberger

 

Theateraufführungen 

und Mahnabende

 

 

 

Willi Graf

 
 
 

 

 

 

 

 

 

Prof.Karl Huber

 
 

Christoph Probst

 
 
 

 

Alexander

Schmorell

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 
 
 
 
 

Hans Scholl

 
 

Sophie Scholl