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Oral History

 

Oral History ist eine neue Arbeitsmethode in der Geschichtswissenschaft. In Lüden-

scheid befindet sich eine Dependance der Fernuniversität Hagen mit dem Institut für Geschichte und Biographie. Dort wird diese neue Arbeitsmethode betrieben.

 

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts der Klassen 10b und 10c wurden im Novem-

ber und Dezember 1998 von Schülerinnen und Schülern Zeitzeugenbefragungen durchgeführt. Die Jungen und Mädchen befragten ihre Eltern und Großeltern, wie sie das Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit erlebt haben.

 

Marlene Stube befragte ihren Großvater, der im Folgenden über diese Zeit berichtet.

 

Ich wurde am 20. November 1929 an der Ruhr geboren. Zu Kriegsbeginn war ich also noch keine 10 Jahre alt. Doch der Krieg ist mir, obwohl ich noch so jung war, und trotz der langen Zeit, die seitdem vergangen ist, noch sehr deutlich in Erinnerung.Jeden Abend saß ich mit meinen Eltern vor dem Radio und verfolgte die Siege der deutschen Wehrmacht.

 

Im September 1939 begann der erste Feldzug des Krieges, der Polenfeldzug. Er war sehr schnell zu Ende. Nach 6 – 8 Wochen war Polen überrannt. Später im Jahr 1940 begann der Frankreichfeldzug. Von diesen beiden haben wir zu Hause nicht viel gemerkt, und auch in der Schule wurde nicht darüber geredet.

Aber dann begannen – schon von 1940 auf 1941 - nachts die Luftangriffe der Engländer. 1941/1942 kamen die amerikanische und die kanadische Luftwaffe hinzu, und Deutschland wurde verstärkt bombardiert. 1943 wurden Köln, Duisburg, Essen und Düsseldorf angegriffen, und dann kam auch schon unsere Region dran. Das bedeutete für meine Familie und mich viele bange Nächte in unserem Keller, der keine besondere Verstärkung gegen Bomben hatte.

 

In dieser Zeit ging ich weiterhin normal zur Schule. Doch die älteren Jahrgänge unseres Gymnasiums waren als Flakhelfer eingezogen. Mit ihren 16 - 17 Jahren mussten sie schon wie richtige Soldaten arbeiten.

 

Damals trat ich auch in die Hitlerjugend ein. Ich muss zugeben, dass ich meist eine schöne Zeit mit meinen Freunden hatte. Doch wenn ich heute über den Krieg nachdenke, ist für mich immer noch eines der schlimmsten Erlebnisse mit der Hitlerjugend verbunden.

Meine Freunde und ich mussten, als wir gerade 14 Jahre alt waren, einen Tag und eine Nacht lang bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen aus zerbombten Gebäuden bergen. Wir haben uns zum Schutz gegen den Gestank unsere HJ-Tücher über den Mund gebunden und mussten in den Kellern Dinge sehen, deren Anblick ich niemandem auf der Welt wünsche. Vergessen konnte ich diese Bilder nie. Als ,,Lohn" bekamen wir damals eine Flasche Schnaps und Zigaretten. Viele haben den Schnaps benutzt, um die Bilder aus ihrem Gedächtnis zu verdrangen. Doch ich bezweifle, dass es geklappt hat.

 

Mitte 1943 wurden die Luftangriffe stärker, und deswegen wurden glücklicherweise die Jugendlichen der unteren Klassen zur Kinderlandverschickung geschickt. Das waren die 6. und 7. Klassen, zu denen ich auch gehörte.

So fuhren wir mitten im Schuljahr nach Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Dort verlebten wir ein halbes Jahr eine sehr schöne Zeit. Doch dann im Juni 1943 kam der Tag, an dem man unsere Stadt dem Erdboden gleich machte. Seit einer Woche war meine schwangere Mutter bei mir, die mein Vater zu ihrer Sicherheit auch ins Erzgebirge geschickt hatte. Wir verbrachten drei Tage in großer Angst, bis wir ein Lebenszeichen von unserem schwer verletzten Vater erhielten. Er hatte mit letzter Kraft eine Stahltür aufgebrochen. um aus unserem zerbombten Haus zu entkommen, und rettete sich mit einer nassen Decke durch die brennende Stadt. Wenn meine Mutter zu diesem Zeitpunkt noch zu Hause gewesen wäre, hätten weder sie noch mein Vater (da er sie nicht im Stich gelassen hätte) noch das ungeborene Kind überlebt.

Ende November 1943, als es meinem Vater besser ging, kehrten wir noch Remscheid zurück. Jetzt ging es um die Wohnungssuche.  Zum Glück fanden wir in Lennep eine Orgelbauwerkstatt und hier kam kurze Zeit später auch meine kleine Schwester zur Welt.

 

Wir hatten eigentlich Glück, weil unser Vater in der Industrie unterge-

kommen war. So konnten wir die ehemalige Werkstatt in ein Schlaf-

zimmer und eine Küche umbauen, um dort zu leben. Wasser hatten wir allerdings nicht. Es war sehr kalt in diesem Winter 43/44, aber wir hatten es geschafft, meine Schwester durchzubringen.

 

Ich ging in Lennep weiter zur Schule, bis sie Mitte 1944 geschlossen und in ein Lazarett umfunktioniert wurde. Ende 1944 wurden dann täglich massive Luftangriffe geflogen, schließlich hatten die Alliierten das Ruhrgebiet eingekesselt. Die Hitlerjugend, zu der auch ich gehörte, löste sich bald darauf auf.

 

Dann - Anfang Mai 1945 - nahte das Ende des Krieges. Alles, was sich auf den Landstraßen und Feldern bewegte, wurde beschossen, und der Zugverkehr war nahezu erlahmt. Im deutschen Radio bekamen wir nur noch spärliche Informationen über den Kriegsverlauf, und so blieb uns einzig der verbotene britische Sender BBC London als Informations-

quelle. Durch ihn wussten wir ungefähr, wie die Situation in Deutsch-

land und der Welt aussah.

 

Einen Tag bevor die Amerikaner vor Hückeswagen und Wermelskirchen standen, bin ich mit meinen Eltern und mit meiner kleinen Schwester mit wenig Fluchtgepäck aus Lennep geflohen. Wir hatten eine Hausärz-

tin, die uns mit nach Remscheid zu ihrer Schwester nahm. Diese hatte einen Unterstand, der einen sicheren Schutz vor Bomben bot. Das war für uns zu dieser Zeit überlebenswichtig. Die Nacht zum 5. Mai 1945 war eine der schlimmsten Bombennächte des Krieges: denn Remscheid wurde von der Artillerie beschossen, und die Amerikaner rückten von Bergischborn in Richtung Lennep und Remscheid vor. Gegen Mittag des nächsten Tages waren auch die Panzersperren geräumt, da die Menschen das Holz für ihre Öfen brauchten. Man hatte ja nichts zu heizen und schon gar nichts zu essen. Die Panzersperren hätten sowieso nichts geändert. Die Lebensmittel waren knapp, denn es gab in den letzten Tagen vor Kriegsende gar nichts mehr. Also musste man mit ein paar Kartoffeln und eventuell ein bisschen Brot diese Zeit über-

brücken.

 

Nachdem die Amerikaner Remscheid ohne Komplikationen besetzt hatten, wurden überall Hausdurchsuchungen durchgeführt. Dabei wurden nicht nur Waffen, sondern auch z.B. Fotoapparate beschlagnahmt; denn die Amerikaner konnten alles gebrauchen. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, nahmen die ersten Sturmtruppen ohne zu zögern mit.

 

Doch die Situation änderte sich bald. Immer mehr deutsche Truppen-

teile ergaben sich, und nach einigen Tagen kehrte wieder Ruhe in der Umgebung ein, so dass die Menschen versuchten, ihre Hauser zu erreichen und auch die schlimmsten Trümmer zu beseitigen. Kurze Zeit später kam die amerikanische Verwaltung, und ganz allmählich gab es auch wieder Lebensmittel. Diese reichten allerdings nur zum Überleben, nicht zum Leben Auch wir sind nach ein paar Tagen in unsere Wohnung in der Werkstatt zuruckgekehrt und hoben den Eingang, der durch die Bombenangriffe ziemlich beschädigt war, von Trümmern befreit.

Nach Kriegsende mussten aber alle weiter um das Überleben kämpfen. Lebensmittel zu beschaffen war das Schwierigste. Hinzu kam, dass die Eisenbahnen nicht fuhren und auch die Autos nicht liefen. So ging ich zu Fuß zu den Bauern betteln, wo man, wenn man Glück hatte, auch Rauchwaren und Alkohol tauschen konnte. Für meine Schwester versuchte ich Milch oder wenigstens ein paar Haferflocken zu erbetteln.

 

Mittlerweile war die amerikanische Militärregierung fest im Sattel, und die Versorgung lief wieder. Dann machten die ersten Bäckereien wieder auf, und wir bekamen Lebensmittelkarten. Doch die amerikanische Besatzungszeit in unserer Region dauerte nicht lange: denn wir wurden zur englischen Zone, und die Amerikaner zogen weiter noch Süden. Endlich ging es weiter bergauf. Brücken wurden wieder aufgebaut. Doch die Hamsterei dauerte an, da die Versorgung immer noch recht schwierig war.

 

Ein großes Problem für die Einheimischen stellten die Flüchtlinge dar. In Wipperfürth war ein großes Auffanglager für Westdeutschland. Dorthin kamen die Flüchtlinge aus der sowjetischen Zone, aus Ostpreußen und aus der Tschechoslowakei. Überall wurden die Deutschen ausgewiesen. Alle mussten zuerst in dieses Lager, von wo aus die heimatlosen Men-

schen dann auf die einzelnen Städte verteilt wurden. Die Nachkriegs-

zeit habe ich als sehr schwer empfunden. Alles war unterwegs in den badischen Raum und nach Hessen: denn es gab nur ein Ziel - Kartoffeln hamstern. Doch dann konnte es passieren, dass es eine Razzia gab, wenn man gerade auf dem Bahnhof ankam, und die Soldaten nahmen uns alles wieder ab. So waren alle Anstrengungen umsonst gewesen.

Doch wir haben nie wirklich unter der englischen bzw. amerikanischen Verwaltung leiden müssen; denn die Soldaten der Alliierten waren sehr korrekt zu uns Deutschen. Zuerst hieß es von der amerikanischen Führung zwar: “Don't fraternise", aber die Soldaten hielten sich nicht lange an diese Anweisung. Die Verbrüderung kam automatisch, und man bekam als Kind auch ab und zu etwas zugesteckt, obwohl es verboten war. Das ist eine meiner positiven Erinnerungen an diese schlimme Zeit.

Theateraufführungen 

und Mahnabende