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Bedrückendes Stück über eine Lehrer-Karriere

Daniel Minetti gastierte mit Klamms Krieg in der Oberstufe der Staberger Gymnasien - Schüler zeigten sich beeindruckt

von Anna Hoff 

 

WR Wer liest das Gretchen? Niemand meldet sich. Deutschlehrer Klamm hatte sich vorgenom- men, mit dem Unterricht einfach fortzufahren. Auf dem Lehrplan steht Goethes Faust. Wie es für den Deutsch- Leistungskurs einer 12. Klasse üblich ist.

Aber jetzt steht Klamm vor einer Schar eisig schweigender Pennäler, die ihm nicht mehr als Missachtung entgegenbringen. Die Schüler erklären ihrem Lehrenden Krieg!

Um diese Thematik dreht sich das Ein-Mann-Stück Klamms Krieg von Kai Hensel, dass am ver- gangenen Dienstag von Daniel Minetti, Schauspieler am Dresdner Schauspielhaus, in die Klas- senräume der Jahrgangsstufe 12 der Staberger Gymnasien aufgeführt wurde.

Es war eine Theaterdarbietung der besonderen Art - außergewöhnlich! Die Schüler waren einer- seits Zuschauer, andererseits Mitspieler selbst. Sie waren es, die den Brief an den Lehrer Klamm formulierten, in dem sie das Urteil aussprachen: schuldig am Selbstmord eines Abiturienten!

Sie waren es, die wie versteinert vor ihm saßen, seiner verzweifelten Rechtfertigung lauschten, keine Ton erwiderten. Wie auch ?

Die Geschichte ist einfach: Sascha hätte nur einen Punkt mehr gebraucht, um das Abitur zu bestehen. Er hat ihn nicht bekommen und hängt sich auf. Nun muss Klamm klären, in wie viel Schuld an dem Selbstmord trägt.

In erster Linie versucht er sich in seinem Monolog vor sich selbst zu rechtfertigen. Er sei Lehrer mit Leib und Seele und verlange doch nichts weiter von seinen Schützlingen als Wissen.

Seit 25 Jahren führt er Krieg

Die Ignoranz seiner Klasse sei Auslöser dafür, dass er seinen ganzen Frust über Schulalltag, Kollegen und Schüler offenbart. Klamm sei Lehrer seit 25 Jahren. Seit 25 Jahren führe er Krieg, und es werde immer schlimmer. Dabei habe er doch nur ein Ziel: seine Schüler zu prägen und ihnen ein Stück von sich zu geben.

Der Lehrer ist undurchsichtig und unberechenbar. Anfangs wirkte er hilflos, geradezu sympa- thisch. Auch Lehrer sind Menschen mit Fehlern und Schwächen.

Er versucht Kompromisse einzugehen und will seine Schüler verstehen. Dieser Annäherungsver- such schlägt fehl. Er stößt weiterhin auf taube Ohren. Also: Angriff ist die beste Verteidigung! Seine Waffe: Fein säuberlich geführte Akten über jeden Schüler und jeden Kollegen, die sich im Laufe der Jahre in seinem Keller angesammelt haben.

Klamm wirkt zunehmend abstrus. Mal reagiert er gleichgültig, mal völlig cholerisch. Ich bin ver- dammt noch mal der beste Deutschlehrer, den diese Schule je hatte!

Immer wieder versucht er, sich das klar zu machen. Klamm besticht mit guten Noten und be- straft mit schlechten.

Von Wodka betäubt, faselt er von Existenzängsten und alle Lehrer sind Mörder  und scheint in der nächsten Minute durch zu drehen, macht obszöne Bemerkungen, knallt Türen und Fenster und jagt so manchem Schüler einen kalten Schauer über den Rücken. Das Ende? Klamm legt eine Pistole auf den Pult, geht aus dem Klassenraum und lässt eine ganze Reihe von Fragen zu- rück.

Daniel Minetti erntete am Dienstag tosenden Beifall von den Schülern. Das anschließende Ge- spräch mit Theaterpädagogin Maike Doescher und dem Schauspieler selbst, half den Schülern, die Eindrücke teilweise zu ordnen, dennoch war die Verwirrung in der Klasse groß. Der ständige Stimmungswechsel zwischen Jähzorn und Verständnis für die Schülerwelt zeichnet die Figur des Lehrers. Man muss erst einmal Abstand bekommen, äußerte sich Schülerin Sophie Adam. Auch Deutschlehrer Rainer Zwiefka war zwiegespalten.

Meisterwerk mit Schauereffekten

Einerseits sei das eben gezeigte Stück realitätsfern, aber in Teilen nachvollziehbar. Das Stück wird ausschließlich in der Oberstufe gespielt, weil Minetti hier auf die größte Resonanz stößt. Er war von Anfang an fasziniert von der Rolle des Klamm und nutzt diese um eigenen Frust und persönlichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, erzählte er während des Gesprächs. „Ich finde es gruselig, wie ein Mensch in den Wahnsinn getrieben werden kann.“

Klamms Krieg, da waren sich alle am Ende einig, sei ein Meisterwerk mit Schauereffekten, das Schüler zum Nachdenken anregt.