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Rede über die Geschwister Scholl zum 1. Mai 2001 anlässlich der

Kundgebung des DGB zum 1. Mai

von Antje Malycha

 

Im Mittelpunkt Ihrer heutigen Veranstaltung steht die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes, es geht um humane Arbeitsplätze und um menschenwürdige Arbeit.

Sie beginnen Ihren Demonstrationszug hier am Geschwister-Scholl-Gymnasium, um in einer Zeit sich häufender rechtsradikaler Übergriffe an die Unterdrückung der Arbeiterbewegung im Dritten Reich zu erinnern und der Veranstaltung einen mahnenden geschichtlichen Rahmen zu geben. 

Die Geschwister Scholl, nach denen diese Schule benannt worden ist, waren keine Gewerk- schafter und sie waren auch nicht Teil der Arbeiterbewegung im 3. Reich. 

Hans und Sophie Scholl waren jugendliche Widerstandskämpfer, die den Mut und die Kraft hat- ten, sich gegen den Nationalsozialsozialismus zu erheben. Ihr Leben war geprägt durch Lesen, Musizieren, Sport und die Liebe zur Natur. 

Sie gehörten einer kleinen Gruppe studentischer Widerstandkämpfer gegen den Nationalsozia- lismus an, der sich die Weiße Rose nannte. Nur wenige Monate, vom Frühsommer 1942 bis Fe- bruar 1943, konnten sie mit ihren insgesamt sechs Flugblättern zum passiven Widerstand und zur Sabotage gegen ein menschenunwürdige Herrschaftssystem aufrufen. 

In diesen Flugblättern wandten sie sich gegen die Lügen der Propaganda, den Massenmord an den polnischen Juden, die Mitschuld des Einzelnen und die Unmöglichkeit, den Krieg zu gewin- nen. Sie riefen die Studenten zu passivem Widerstand und zur Sabotage gegen nationalsozia- listische und kriegsunterstützende Maßnahmen und Einrichtungen auf. 

Die Mitglieder der Weißen Rose waren erschreckt über den gedankenlosen Fanatismus der Mas- sen und die bedingungslose Unterordnung des Einzelnen. Das enge und eingesperrte Denken der Nationalsozialisten stand in bestürzendem Gegensatz zu ihrem Wunsch nach Aufrichtigkeit und Freiheit. Die Weiße Rose betonte die Vernunft und das rationale Denken; das Denken der Nati- onalsozialisten war hingegen willkürlich, irrational und von Hass getrieben. Hans und Sophie Scholls unbeschwerte Freude am Dasein ruhte auf ihrem Glauben an Gott und einer innerer Ver- pflichtung zu christlich-moralischem Handeln. Die Mitglieder der Weißen Rose stehen für den Aufstand des Gewissens, d.h. für die sittliche Pflicht, sich gegen ein erkanntes Unrechtsystem und Verbrechen an der Würde des Menschen zu erheben. 

Hans war 24 und Sophie 21 Jahre alt, als sie im Februar des Jahres 1943 in der Universität Mün- chen verhaftet und wegen Hochverrats,  Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung mit dem Fallbeil umgebracht wurden.

Als diese Schule 1959 gebaut wurde, war die Namensgebung nicht unumstritten. Das Lehrer- kollegium favorisierte Persönlichkeiten der deutschen Literaturgeschichte: Agnes Miegel, An- nette von Droste-Hülshoff, Johann Gottfried Herder und entschied sich schließlich für den Letz- teren, dessen Einfluss (so der damalige Schulleiter Thierkopf) auf die Ausrichtung einer Mäd- chenoberschule immer noch groß sei. 

Im Schulausschuss konnte man sich allerdings für diesen Vorschlag nicht erwärmen. Man bevor- zugte Persönlichkeiten aus dem politischen Raum und einigte sich schließlich auf den heutigen Namen, durch den die jüngere Vergangenheit mit ihren schrecklichen Folgen ins Gedächtnis zu- rückgerufen wurde.

Pfarrer Dörnenberg vertrat im Schulausschuss die Ansicht, dass der Name der Geschwister Scholl in einer Situation unbewältigter Vergangenheit für die Jugend wie eine ernste Mahnung, wie ein Programm sei. Das Kollegium akzeptierte die Meinung des Schulausschusses, und am 4. November 1959 wurde im Rat der Stadt Lüdenscheid der neue Name mit großer Mehrheit be- schlossen.

Als sich Schüler der beiden Staberger Gymnasien 1983 in einem Geschichts-Leistungskurs mit den Geschwistern Scholl auseinander setzten, erfüllen sie den  Wunsch der Stadt Lüdenscheid, die Mahnung der jüngsten Geschichte ernst zu nehmen, und sprechen zugleich für die gesamte Schule: 

“Die Geschwister Scholl haben sich gegen diesen totalitären Anspruch des Staates und die Be- schneidung der Verantwortung gewehrt. Sie haben Zeugnis abgelegt für Freiheit, Toleranz und Menschenwürde. Der  selbstlose Einsatz der Geschwister Scholl für diese Grundwerte und die Ausbildung einer über allen Zwängen stehenden moralischen Instanz sind auch heute noch Vor- bild für uns und unserer Gesellschaft.

Gerade an unserer Schule, die den Namen der Geschwister Scholl trägt, sollten wir uns bewusst werden, dass uns das Gymnasium umfassende Möglichkeiten bietet, frei von vorgegebenen Mei- nungen den richtigen Umgang mit den Grundwerten zu erlernen, unsere Persönlichkeit zu ent- falten und uns dadurch zu verantwortungsvollen Staatsbürgern zu machen. Denn unser Staat lebt und wird erst freiheitlich durch das persönliche Engagement, die ‚Selbsttätigkeit’ des Ein- zelnen, wie Humboldt sagt.

Diese verantwortliche Entfaltung in Freiheit soll uns Aufgabe sein und Verpflichtung, sie auch für kommende Generationen zu bewahren.“

Warum üben die Geschwister Scholl noch immer diese große Faszination auf junge Menschen aus? Warum bleiben sie lebendig?

Hans und Sophie Scholl verkörpern die tiefe Sehnsucht vieler junger Menschen nach einer guten und gerechten Welt. Einer guten und gerechten Welt,  in der sie und andere Menschen sich frei und würdevoll entfalten können. 

Hans und Sophie Scholl verkörpern das mahnende Gewissen, erkanntes Unrecht zu bekämpfen und Verantwortung zur stärksten Kraft des eigenen Tuns zu machen.

Aus dem 4. Flugblatt an die deutschen Studenten im Winter 42/43: „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!“ 

Ich wünsche Ihrer Veranstaltung einen erfolgreichen Verlauf!