Zurück

Der Staberg auf der Expo 2000

von Anna Hoff

 

Lüdenscheid. (ah) Expo 2000. Das Gesprächsthema Nummer eins. Am Dienstag, d. 12. Septem- ber 2000,  konnte sich die Mittel- und Oberstufe der Staberger Gymnasien ihr eigenes Urteil bil- den. In aller Herrgottsfrühe starteten 817 Schüler und Lehrer Richtung Hannover. Müde und mit mehr oder weniger positiven Eindrücken trudelten die 14 Busse gegen 21Uhr nach und nach wieder auf heimischem Boden ein. Firma Kattwinkel und weitere kleine Subunternehmen stellten die Transportmittel zur Verfügung. Nicht zuletzt wegen der gut durchorganisierten Planung von Norbert Adam und Gerd Peters entwickelte sich die kurze Weltreise zu einem wahren Erlebnis. 

Dienstagmorgen, 5.45 Uhr. Ganz Lüdenscheid scheint heute aus dem Bett gefallen zu sein. Immer mehr Autos schlängeln sich durch die schmalen Straßen Richtung Schützenplatz Loh. Es geht weder vor noch zurück. Also schnappe ich meinen Rucksack und laufe wie so viele andere auch das letzte Stück zu Fuß. 14 Busse stehen bereit. Meiner ist der mit der Nummer neun. Die Eintrittskarten werden schon verteilt. Wo ist noch ein Platz frei? - Endlich, ich sitze. Welch ein Trubel am frühen Morgen. Peter Meiworm heißt uns "Herzlich Willkommen an Bord" und startet zielstrebig Richtung Hannover. Zeit, sich ein paar Gedanken über die Expo zu machen. Jeder er- wartet etwas anderes und hat sich unterschiedlich vorbereitet. "Ich hoffe, man kann da auch aktiv teilnehmen und Spaß haben" äußert Felix Rüdiger seinen Wunsch. Wir werden sehen.

Gegen 9 Uhr kommt unser Bus auf dem Parkplatz vor dem Eingang Nord-Ost zum Stehen. Die Sonne lacht und neun Stunden Expo warten auf uns. Wir machen uns zu zweit auf den Weg und durchqueren erst einmal die riesige Eingangshalle, ähnlich einem Flughafengebäude. Da wir das 160 Hektar große Gelände nicht ganz ziellos betreten wollen, krame ich die herausgerisse- nen Zeitungsseiten hervor, die einige Pavillons und Themenparks besonders empfehlen, von an- deren eher abraten. Auf den ersten Blick erscheint das Gelände als eine Mischung aus Freizeit- park und Messehallen. Ufoartige Gebäude prägen das Erscheinungsbild ebenso wie Restaurants im südländischen Stil. Die vielen kleinen Crêpe- und Eisbuden haben noch geschlossen. 

Also, womit fangen wir an? Unsere Zeitschrift empfiehlt als absoluten Höhepunkt das "Planet of Visions", Halle 9, prophezeit allerdings Warteschlangen von zwei Stunden. Da es noch recht früh ist, machen wir uns optimistisch auf den Weg. - Offensichtlich hatten mehrere Expo-Besu- cher die gleiche Idee und unsere Zeitschrift recht. Denn um 9.15 steht bereits eine riesige Menschenschlange vor dem Eingang und wartet auf den Zutritt ins Reich der Zukunftsvisionen. Was nun? Wir stellen uns an und nehmen eine Stunde Wartezeit in Kauf. Aber es lohnt sich. Hinter der Fassade einer einfachen Messehalle verbirgt sich eine völlig andere Welt: In einer großen dunklen Vorhalle riecht es nach Holz. Windgeräusche und eine beruhigende Lautspre- cherstimme versetzten den Besucher in eine erwartungsvolle Stimmung. Mit Hilfe von Licht wer- den immer wieder neue Zitate berühmter Dichter und Denker über den Zustand, die Vergangen- heit und die Zukunft der Welt an eine Wand projiziert. So sagte beispielsweise Norman Mailer einst: "Was man heute als Science-Fiction beginnt, wird man morgen vielleicht als Reportage zu Ende schreiben müssen".

 Erwartungsvoll betreten wir die eigentliche Ausstellung durch ein überdimensional großes Buch. Angefangen im Garten Eden begeben wir uns per Rolltreppe in das Jahr 2100. Wir erfahren viel über die Entwicklung der Lebensbedingung, Erfindungen und Genmanipulation im Laufe der ver- gangenen hundert Jahre. Die Bevölkerung soll sich auf 8 Mrd. Menschen verdoppelt haben und ein Viertel bereits über 60 Jahre alt sein. Das sind ja schöne Aussichten. Die Ausstellung ist beeindruckend und informativ. Aber ununterbrochen sind alle fünf Sinne im Einsatz. Der Infor- mationsfluss nimmt kein Ende. Nach einer Stunde sind wir uns einig, die erste Pause wird ein- geläutet. Essend und trinkender Weise planen wir das nächste Ziel. Unsere Zeitschrift empfiehlt besonders das östliche Gelände. Also nichts wie hin. Aber auch hier präsentiert sich uns eine Menschenschlange nach der anderen. Nicht schon wieder! 

Nun, wir wählen das Alternativprogramm: eine Gondelfahrt vom einen zum anderen Ende des Expo-Geländes, für gerade mal fünf Mark. Erst von hier oben werden die unvorstellbaren Dimen- sionen des Gebietes sichtbar und der erste Eindruck vom faden Freizeitpark wird widerlegt. Auf den Dächern der einzelnen Hallen stehen die Landesnahmen und ich habe das Gefühl, mir liegt die Welt zu Füßen. Aber auch die längste Gondelfahrt geht einmal zu Ende und wieder stehen wir vor dem Problem "was nun?". 

Der Nepal-Pavillon sieht einladend aus. Ganz aus Holz geschnitzt zeigt er sich klein aber pracht- voll. Die Fülle von Menschen vor dem Eingang, löst sich schneller auf als gedacht und schon nach wenigen Minuten betreten wir das erste fremde Land an diesem Tag. Den kleinen asiati- sche Staat haben wir schnell durchquert und nehmen kurz darauf den Bus Richtung Afrika. Der schwarze Kontinent hat eine ganze Messehalle für sich in beschlag genommen und präsentiert seine einzelnen Länder in Form von Messenstände. Das, was sich uns dort zeigt, verschlägt uns die Sprache. Überall laufen dunkelhäutige, farbenfroh gekleidete Menschen durcheinander. Was- serfälle plätschern von der Decke herab. Das Geräusch wird von Urwaldgetrommel und fremdar- tigen Gesängen untermalt. Beim Betreten dieser Halle wird die schlechteste Laune schlagartig besser. Die tanzenden Verkäuferrinnen an den Basarständen versuchen scherzhaft mit ihren Kunden zu pfeilschen. Auf jede Frage bekomme ich eine freundliche Antwort. Die lebensfrohe Mentalität springt auf den Besucher über und wir können uns kaum von dem bunten Treiben und den liebeswürdigen Menschen trennen. 

Es ist bereits 13.30Uhr und wir unternehmen noch einen Versuch uns den Ländern des östlichen Geländes ein wenig zu nähern. Der Bus ist überfüllt. Mit anderen Worten: wir laufen. Inzwischen ist die Stimmung ein wenig gedämpft. Die Werbekampagnen haben offensichtlich einiges be- wirkt. Denn alleine sind wir hier nicht, das ist eindeutig. Somit ist auch ein Plätzchen im Schat- ten aussichtslos. Bevor wir durch Hitze und Überangebot völlig in einem Tief zu versinken dro- hen, holen ein paar Straßenmusiker, mit Hilfe von Saxophon und Trompete, die gute Laune zu- rück. Auf in Runde zwei. Da bietet sich Jemen nahezu an. Schon von Außen ist der Pavillon ein Meisterwerk. In mühevoller Handarbeit haben arabische Arbeiter den für ihr Land typischen Zie- gelbau mit sienabraunen Wänden und weißen Ornamenten aufgebaut. Ein Mal mehr betreten wir durch das Rundbogentor eine andere Welt. Im Innenhof sorgen Händler, Musiker und Tänzer für eine orientalische Atmosphäre. "Man taucht immer für kurze Zeit in die Nationen ein" schwärmt Sophie und nimmt mir das Wort aus dem Mund. Überall duftet es nach Couscous und Fallaffel und ein Einheimischer wirbt in brüchigem Deutsch für seine orientalischen Süßigkeiten "einmal essen, nicht vergessen". 

Wir verlassen den etwas ärmlich wirkenden Hinterhof und nehmen zehn Minuten später Platz auf dem roten Sofa der High-Society von Monaco. Nachdem wir den ebenfalls roten Schumi-Ferrari begutachtet haben, schließen wir uns dem elegant gekleideten Mann an, der uns in drei Etap- pen durch den vornehmen Pavillon führt. Dabei ist das 180°-Kino der Höhepunkt des Spekta- kels. Inzwischen nicht mehr so wissensdurstig, verweilen wir in Kroatien nur einen kurzen Au- genblick und entschließen uns dann eine Kaffeepause in Lettland einzulegen. 

Die Zeit schwindet. Es bleiben uns noch gute zwei Stunden, die effektiv genutzt werden müs- sen. Warum also nicht nach Äthiopien? In diesem kleinen aber sehr stolzen Land machen wir die Bekanntschaft mit "Lucy", dem ältesten Skelett der Welt. Gefunden wurde es 1974 von Dr. D. Johanson und war damals schon 3,2 Mio. Jahre alt. Sowohl weitere Fossilien, als auch das äl- teste Steinwerkzeug aller Zeiten machten Äthiopien zur Wiege der Menschheit. Dieses un- scheinbare Land präsentiert sich anmutig, voller Lebensfreude. Der Duft von frischgeröstetem Kaffee und Sandelholz verfolgt uns noch bis zur nächsten Bushaltestelle. Diese Art der Fortbe- wegung ist uns ja mittlerweile bekannt, und obwohl es inzwischen 17.30 Uhr ist, hat sich die Chance auf einen Sitzplatz keinesfalls vergrößert. Unser "Transporter" hält am Eingang Nord- West. Unser Bus fährt allerdings um 18Uhr am gegenüberliegenden Ende des Geländes ab. Also, schnell! Auf die Frage, wie wir am günstigsten zum vereinbarten Treffpunkt kommen, gibt uns der freundliche Herr an der Information eine klare Antwort: "zu Fuß". Im Dauerlauf folgen wir den blauen Schildern gen Osten und verknipsen die letzten Fotos. Bedauerlicherweise müssen wir immer wieder feststellen, dass die Weltausstellung soviel mehr zu bieten hat, als an einem einzigen Tag zu bewältigen ist. Wir nehmen uns vor in Kürze noch ein zweites Mal auf Weltreise zu gehen. Wann habe ich schon mal die Möglichkeit mit dem Bus von Schweden nach Kenia zu fahren? Wieder durchqueren wir den "Flughafen" und suchen verzweifelt unseren Bus mit der Nummer neun. In einem großen Durcheinander versucht jeder seine Eindrücke zu schildern. "Viel zu groß für einen Tag", höre ich von mehreren Seiten. "Es war zwar anstrengend aber informa- tiv. Und durch die gute Beschilderung hat man alles schnell gefunden." resümiert Sophie. Wenig später sitzen alle 817 Lüdenscheider erschöpft und mehr oder weniger zufrieden in ihren Bus- sen. Es wird wohl einige Zeit dauern bis jeder einzelne den aufgenommen Informationsfluss und die vielen unterschiedlichen Eindrücke verarbeitet hat. Zum Schluss bleibt mir also nur noch zu sagen: Die Expo ist eine Reise wert.