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Berlin (Leistungskurs Deutsch - Zwiefka)

von Anna Hoff

 

Wie heißt es doch so schön? Berlin ist eine Reise wert? Zweifellos. Die Hauptstadt erstrahlt in neuem Glanze, jung und schön wie keine Zweite. Aber gleichzeitig tritt „die alte Dame“ stolz und respekteinflößend hinter den hohen Mauern der Geschichte hervor. 

Etwas sei gleich zu Anfang vorweggenommen: eine Kursfahrt, die den diesjährigen Abiturjahr- gang dazu veranlasste, den Ort der Regierung mal genauer unter die Lupe zu nehmen, sei dazu geschaffen, die Oberprimaner, so kurz vor der Reifeprüfung, noch einmal einander näher zu bringen.  

Doch Berlin und Gruppenaktivität, das ist so ähnlich, wie der Vergleich zwischen den Gesund- heitsschuhen meiner Großmutter und den Turnschuhen meiner Schwester. Kurz: sie haben keine Gemeinsamkeiten. Nicht, dass dieser Bericht nun einen negativen Unterton bekommen soll. Er soll nur klarstellen, dass es schwierig ist, zwei völlig unterschiedliche Dinge unter einen Hut zu bekommen.  Es gilt also, sich zu entscheiden, zwischen der Erkundung einer aufregenden Welt- stadt und der Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen.  Logischerweise wählt die eindeutige Mehrheit die Entdeckungsreise – denn, mal ehrlich, mein Tischnachbar, der mit mir seit zwei Jahren die Schulbank drückt, ist nicht mehr ganz so geheimnisvoll, wie das, was sich hier vor mir erstreckt.

Jetzt ist aber Schluss mit all dem Geschwafel über Beziehungen und Entscheidungen. Widmen wir uns den Dingen, die der Exkursion des Deutsch-LKs von Rainer Zwiefka und des Erdkunde- Ks von Herbert Henkel ein Gesicht verleihen:

Die Busfahrt ist, wie gewöhnlich, viel zu lang und viel zu unbequem. Nach knapp acht Stunden Autobahn, dank Stau, sehnt sich ein jeder nach warmem Abendessen und einer kalten Dusche. Nun muss dazu gesagt werden, dass unsere Unterkunft nicht gerade einem Fünf-Sterne-Hotel gleichkommt, aber sowohl Essen als auch Waschmöglichkeiten sind vorhanden. Außerdem: wer braucht in einer Stadt wie Berlin eine Federkernmatratze und ein gutes Lattenrost? Ein klapp- riges Hochbett tut´s auch! Die Nächte werden durchtanzt, dass die Augenlieder im Morgen- grauen von ganz alleine zufallen und der Aufprall auf die Matratze gar nicht wahrgenommen wird! 

Doch unsere Metropole hat bei weitem mehr zu bieten als Bistros, Kneipen und Discotheken. Ein Gymnasiast wäre kein Gymnasiast, wenn er nicht wenigstens schon einmal während seiner Schullaufbahn dem Schicksal Berlins begegnet wäre. Gleich der zweite Tag lässt die Vergangen- heit zu neuem Leben erwecken: zwei Stunden Stadtrundfahrt lassen genug Zeit für Emotions- schwankungen jeglicher Art. Die Stadt scheint ihre Geschichte bewältigt zu haben. Neue Bau- ten ragen meterhoch in den Himmel hinein und protzen mit höchster Modernität. Berlin ist eine Baustelle und permanent im Umbruch. Wir überqueren die durchsichtige Grenze und befinden uns plötzlich im östlichen Teil. Die wenigen Überreste der „Mauer“ rufen ein beklemmendes Ge- fühl hervor. Die Konfrontation mit historischen Geschehnissen macht sensibel – und das ist gut so. 

Endstation: Scheidemannstraße. Hier sitzen die hohen Herren der Regierung und sorgen für Recht und Ordnung. Die Wartezeit ist lang, aber gerechtfertigt. Schließlich wird gerade hier höchste Sicherheit gefordert. Und um diese zu gewährleisten, heißt es warten. Warten bis die Taschen des Vordermanns überprüft und sämtliche Döschen der weiblichen Besucher geöffnet sind. Doch das Anstehen lohnt sich. Ein Blick über die Dächer von Berlin lässt alles andere ver- gessen. Die Reichstagskuppel eröffnet die Sicht auf eine Spielzeugstadt, die soviel zu bieten hat, in der es Unzähliges zu entdecken gibt...

Aber wer wird denn gleich melancholisch werden? Dort unten spielt sich das wahre Leben ab. Also, keine Zeit verlieren und hinein in die U-Bahn Richtung Messegelände. Schließlich ist nicht alle Tage Internationale Funkausstellung in Berlin! Dieses Erlebnis genauestens zu beschreiben, würde den Rahmen eines einfachen Kursfahrtsberichtes sprengen. Kurz gesagt: das bunte Trei- ben großer Weltkonzerne, Radio- und Fernsehsender erfordert alle Sinne und versetzt den Be- trachter in Staunen. Doch damit nicht genug. Die Reizüberflutung geht weiter. Dafür sorgt allei- ne die Nahrungsmittelabteilung des KaDeWes. Wer hier nicht fündig wird, um Töpfe und Pfannen zu füllen, wird überall vergebens suchen. 

Nach all dem Trubel inmitten von Autolärm und Menschenmassen, ist ein Kurzausflug nach Pots- dam, am nächste Tag, eine gelungene Abwechslung. Wieder einmal heißt es Augen auf und Ohren spitzen. Der Cecilienhof ist ein Ort wichtiger historischer Entscheidungen und ziert die Seiten der Geschichtsbücher ebenso, wie Schloss Sanssouci. Aber die Uhren drehen sich unauf- haltsam weiter und läuten schon bald den vorletzten Tag der Studienfahrt ein. Drei Museen stehen zur Auswahl, die so unterschiedlich sind, dass sie für jeden Geschmack etwas zu bieten haben. Neben dem Pergamonmuseum und der Neuen Nationalgalerie steht das Mauermuseum am Checkpoint Charly alternativ zur Auswahl und wird im Endeffekt auch am stärksten frequentiert. Nein, es ist nicht zu leugnen. Die dunklen Flecken der Vergangenheit lassen sich am deutlich- sten durch menschliche Schicksale dokumentieren. Wieder macht sich der Klos im Hals bemerk- bar und braucht eine ganze Zeit lang, bis er sich löst. 

Da hilft nur eins: auf zum Kurfürstendamm! Nach fünf Stunden Kleiderkabinenbesetzung, Kaffee- trinken und Schnäppchenjagd, wird tütenbeladen à la Pretty Woman der Heimweg angetreten. In diesem Sinne geht es weiter. Der Abend verspricht Musicaltheater erster Klasse. Der Glöck- ner von Notre Dame. Dafür bleiben Turnschuhe und Jeans im Schrank. Stattdessen wird das kleine Schwarze gezückt und ein mal mehr bezeugt, dass Kleider Leute machen! Der passende Aufzug für eine märchenhafte Umsetzung der Walt Disney Erzählung um Quasimodo und Esme- ralda. 

Wie, ist es wirklich schon Freitag? Kinder, wie die Zeit vergeht! Nach der Führung rund um den Potsdamer Platz, heißt es bereits schon wieder Kofferpacken und Abschied nehmen von fünf- spurigen Straßen, großen Bauten und internationalem Flair. Das Abschlussfeuerwerk der IFA ist gleichzeitig Schlussakt der Kursfahrt 2001. Es geht wieder gen Heimat, zurück in unser Provinz- nest namens Lüdenscheid. Lüdenscheid, wo liegt denn das? Irgendwo im Sauerland, erbaut auf sieben Hügeln – wie Rom.