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Chaos im Nervenzentrum, aber sie hat die Ruhe

Ursel Kaußner, Schulsekretärin am Geschwister-Scholl-Gymnasium, geht in den Ruhe- stand. "Mütze ab, Ohrstöpsel raus". Ein Porträt von Olaf Moos

 

LN • Frau Kaußner, mein Turnbeutel ist weg. Frau Kaußner, ich habe Kopfschmerzen. Frau Kau- ßner, könnte ich mal eben die aktuelle Statistik bekommen? Wann ist der Termin mit dem Be- werber? Wo ist denn der Kaffee, Frau Kaußner? Frau Kaußner hier, Frau Kaußner da.

Ursel Kaußner (61), Schulsekretärin am Geschwister-Scholl-Gymnasium, bräuchte acht Arme und zwei Köpfe. Sie arbeitet im Nervenzentrum der Schule. Aber anstatt überzuschnappen, bleibt sie ruhig und schaut schmunzelnd über den Rand ihrer modischen Brille. "Mich regt selten etwas auf", sagt sie. Immerhin sei das Schulsekretariat "das Spiegelbild der Schule". Hier muss das "Scholl" nach innen und außen präsentiert werden - und zwar positiv, bitteschön!

Wenn es überhaupt "die" klassische Sekretärin gibt, hat das "Scholl" in den zurückliegenden 15 Jahren eine gehabt. Eine, die von sich sagt, "absolut loyal und verschwiegen" zu sein. Eine, die Freundlichkeit und Zuverlässigkeit schätzt, auch in hektischen Situationen. Im Rückblick auf die Arbeit schwingt Stolz mit, wenn sie Erwartungshaltungen beschreibt. "Es wird von mit erwartet, dass ich alles weiß, alles kann, nichts vergesse, alles habe, alles ermöglichen kann, immer Zeit habe."

Wer das schafft und sich dabei den Ruf erwirbt, die gute Seele, der freundliche Geist des Hau- ses zu sein, hat sogar im Chaos die innere Ruhe. Ein Satz aus dem Horoskop-Schublädchen: "Ich bin ein richtiger Waage-Mensch - ausgeglichen und Ordnung liebend."

Mit diesen Tugenden hat sich Ursel Kaußner den Weg durch ein Leben geebnet, das nicht frei von Brüchen und Talfahrten ist. Dreijährig mit ihrer Mutter auf dem großen Treck aus dem ost- preußischen Kreis Orlau nach Westfalen gekommen, aufgewachsen in Halver, Volksschule, Lehre als Rechtsanwalts- und Notarsgehilfin, 29 Jahre Ehe in wirtschaftlicher Unabhängigkeit, zwei Kinder, dann - ungewöhnlich - die ganz späte Trennung von ihrem Mann. "Man schmeißt eben nicht sofort alles hin", sagt sie.

Der "Neuanfang bei null" in Lüdenscheid ist vom Zufall geprägt. "Ich habe meine Mutter in der Klinik besucht und eine Stellenausschreibung am schwarzen Brett auf dem Flur entdeckt." Es begann mit einer kleinen Teilzeitstelle in der Schule für Kranke und der Kinder- und Jugendpsy- chiatrie. Es folgten Rückschläge und Misserfolge. Die Fachsprache der Mediziner - böhmische Dörfer. Steno - lange nicht gemacht. "Aber ich habe mich durchgewurschtelt", sagt sie. Im Me- dizinlexikon geblättert, sich gewehrt und hochgearbeitet, fast vier Jahre lang.

Und nach ihrem Motto "Entweder rein und untergehen oder schwimmen" wechselte Ursel Kauß- ner am 2. Oktober 1988 zum Geschwister-Scholl-Gymnasium - von 28 Kindern im Krankenhaus zu 800 Kindern an der Hochstraße.

Hier vollzieht die Schulsekretärin die Philosophie der Schulleitung und des Kollegiums nach, ja, lebt sie geradezu. Der Respekt vor jedem Einzelnen, die Achtung auch vor Schwächeren, diese Werte hat sie verinnerlicht. Aber die Dame an der Schaltstelle der Schule fordert sie auch ein. Mütze ab, Ohrstöpsel raus, Hände aus den Taschen und höflich "Guten Morgen" sagen, wenn man das Sekretariat betritt - das gehört für Ursel Kaußner dazu.

Dies umso mehr, als sie beobachtet hat, dass die Schüler "respektloser" geworden sind, wie sie sagt. "Das liegt auch an den Medien." Dass "die Frau Kaußner" da neben Schriftkram und immer mehr Management-Tätigkeit auch erzieherische Ambitionen hat, rundet das Bild der "klassischen Schulsekretärin" ab. - Damit ist es für Ursel Kaußner nun vorbei. Jetzt ist ihre Familie dran, die Ferienwohnung in Greetsiel, "und endlich mehr Zeit für ein gutes Buch". Zum Ende des Schuljah- res geht "die Frau Kaußner" in den Ruhestand. Schon wieder ein Neuanfang. Aber diesmal ganz anders.