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Einzige Zeitzeugin der "Weißen Rose" erzählte GSG-Schülern von damals

WR • "Das Kapitel ist noch nicht zu Ende geschrieben - die ,Weiße Rose´ lässt Euch nicht in Ru- he", so stand es in den Flugblättern, "und das spüre ich". Mit diesen Worten beendete eine promi- nente Zeitzeugin am Donnerstag im Geschwister-Scholl-Gymnasium ihren tief beeindruckenden Vortrag über die Widerstandsgruppe im Dritten Reich.

Die 82-jährige Anneliese Knoop-Graf berichtete anlässlich des 60. Todestages der Geschwister Hans und Sophie Scholl über deren Wirken und das Wirken ihrer Mitstreiter, zu denen auch ihr Bruder Willi Graf gehörte. Unter den Nazis galten die Mitglieder der "Weißen Rose" mit ihrem Wider- stand gegen die unsinnige Kriegsführung als Landesverräter. Heute sind nach Hans und Sophie 200 Schulen benannt, darunter seit 1959 auch das GSG. "Sie sind und bleiben für uns mahnendes Vorbild, gegen Unrecht anzugehen", betonte Schulleiterin Antje Malycha.

Anneliese Knoop-Graf berichtete, was vor 60 Jahren im Münchner Studentenumfeld der Geschwi- ster passierte, die am 18. Februar 1943 verhaftet und durch das Fallbeil hingerichtet wurden. Ihr selbst gehöre der traurige Ruhm, die einzige Überlebende zu sein, die das Geschwisterpaar in die- ser Zeit kannte. Sie habe zuerst bei ihrem Bruder und dann einige Tage bei den Beiden gewohnt, aber nie eine Beziehung zu Sophie aufbauen können.

"Ich habe damals nicht gespürt, welche Kraft und Unbedingtheit hinter diesem Mädchen stand." Hans hatte das Sagen und Sophie und sie waren einfach nur jüngere Schwestern. Aber die stille, leise Sophie sei die tragende Person der Weißen Rose gewesen. Ihre Besonderheit und Reife seien ihr erst nach der Lektüre ihrer Briefe bewusst geworden. Sie stammten aus ganz verschiedenen Elternhäusern. Während Vater Scholl seine Kinder vor den Machenschaften der Nazis warnte, sei- en ihre Eltern "mitgeschwommen". Sophie und Hans scherten sich nicht um Warnungen und traten in die Hitlerjugend ein, Willi habe sich früh gegen angemaßte Autoritäten gewehrt. Man könne heute nicht mehr nachempfinden, was die beiden Geschwisterpaare damals veranlasste, gemein- sam gegen den Nazi-Terror zu kämpfen. Zu den Aktiven der Rose gehörten neben ihrem Bruder Willi weitere Freunde wie Christoph Probst, Prof. Kurt Huber und Alexander Schmorell.

"Über Alex weiss man wenig, obwohl er genauso aktiv dabei war wie Hans", so die Seniorin. Chri- stoph Probst sei bereits Vater dreier Kinder gewesen und man habe versucht, ihn herauszuhalten. Aber eine Flugblattaktion mit seiner Handschrift wurde ihm zum Verhängnis und er wurde ebenso hingerichtet wie Prof. Huber, der das letzte Flugblatt entwarf.

Sie selbst habe nichts gewusst, sei aber von der Gestapo zusammen mit ihrem Bruder am 18. Fe- bruar verhaftet worden. "Seitdem konnten wir nie mehr in Freiheit zusammen sprechen", bedauer- te die Referentin, dass sie ihn nie nach seinen Motiven fragen konnte. Heute glaubt sie, dass er es als seine Pflicht ansah, sich mit seiner ganzen Kraft gegen die Verbrechen der Nazis zu stellen.

Interesse der Jugend steige

"Diese Übereinstimmung von Denken und Handeln, wo findet man das heute noch?" Willi lebte bis zum 12. Oktober in der Todeszelle.

Sophie und Hans seien in der Überzeugung gestorben, dass es große Änderungen geben werde. Willi habe im einsamen Warten auf den Tod gemerkt, dass nichts geschah.

Nach dem Vortrag war Gelegenheit unter Lehrer Norbert Adam als Moderator, Fragen an die Zeit- zeugin zu stellen. Das Interesse am Wirken der Weißen Rose steigere sich und ihr falle auf, dass die Jugend heute eine positive Einstellung dazu habe, erklärte die Referentin. Nicht gerecht finde sie die Ungewichtigkeit von 200 GS-Schulen zu nur acht Willi-Graf-Schulen. Das habe Hans Schwester Inge bewirkt, die in ihrem Buch "Weiße Rose" ihre Geschwister zu Helden hochstilisier- te. Aber es seien junge Menschen mit Fehlern gewesen, "die den Heldenkranz nicht wollten". Dass die beiden damals hofften, breite Teile des Volkes und die Kirche würden ihren Appell an die Menschlichkeit verstehen, "war eine Fehleinschätzung. Sie haben die Basis unter- und sich über- schätzt". Vor allem Hans sei leichtsinnig, aber nicht "leichtfertig" gewesen. Wichtig sei, dass diese Tat kein Alleingang von Hans war, sondern der ganzen Gruppe. Das ersehe man aus den vor zehn Jahren gefundenen Protokolle der Gestapo-Verhöre, die ihr Erich Honecker überließ.

Das in der DDR stark gelesene Buch von Irene Scholl habe bestimmt zur Entstehung der Unter- grundbewegung etwa in Leipzig beigetragen, meinte ein Zuhörer. Man könne den Einfluss der Ge- schwister nicht überschätzen. Aber auch im Rechtsstaat und auf internationaler Ebene müssten Einzelne aufstehen und für Gerechtigkeit eintreten. Gerechtigkeit sei den Hingerichteten erst 1984 widerfahren, erst da habe der Bundesgerichtshof die Urteile annuliert. "Für mich war es im- mer Unrecht, und was in dieser Hinsicht geschehen ist, ist Abbild unseres Landes", mahnte die Seniorin. "Wir müssen aufpassen, dass nicht irgendwo wieder Unrecht geschieht".