Zurück

Rede der Direktorin des Geschwister-Scholl-Gymnasiums zur Abiturientenentlassfeier 2004

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Verwandte und Freunde.

Gemeinsam mit Herrn Dr. Vonderschen darf ich Sie heute Abend herzlich willkommen heißen, um mit Ihnen den Abschluss einer neunjährigen oder noch längeren Schulzeit am Zeppelin- und am Geschwister-Scholl-Gymnasium zu feiern.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Ihr habt eine schöne Zeit am Staberg gehabt und vor allem in den letzten drei Jahren viele neue Freundschaften geschlossen. Ihr ward eine großartige Gemeinschaft, in der jeder Einzelne so sein konnte, wie er war. Ob ihr Gedichte schriebt, nur Fußball im Kopf hattet, Euch viele Nächte mit dem Computer um die Ohren schlugt, auf dem Saxophon oder der Querflöte brilliertet, ob Ihr einen Gottesdienst vorbereitetet, eine neue Choreographie oder Theaterrolle einstudiertet, ob Ihr Bundessieger ward oder Auszeichnungen für ehrenamtliche Tätigkeit erhieltet, ob Philosoph oder Spaßmacher des Jahrgangs, ob jahrgangserster Gipfelstürmer oder leiser Seelentröster – eins ist Euch allen gemeinsam – Ihr ward immer ein guter Freund oder eine gute Freundin, auf die man sich verlassen konnte.

Hättet Ihr auf einer Insel überleben müssen, so hättet Ihr Eure kleine Gemeinschaft effektiv und mit Sicherheit friedlich organisiert – wobei ich offen lassen möchte, in welcher Herrschaftsform dies geschehen wäre und wie vieler Diskussionen eine Entscheidung hierüber bedurft hätte.

Gemeinsam habt Ihr Spaß am Staberg gehabt, gemeinsam musstet Ihr aber auch viel zu frühes Leid und Schmerz verarbeiten. Eure Eltern und Eure Lehrer haben Euch dabei unterstützt, Sie haben Euch geholfen, den langen Weg bis hin zum Abitur durchzuhalten und manche von Euch haben bis zur endgültigen Notenverkündigung nicht wirklich geglaubt, dass sie es geschafft haben.

Die letzten Tage haben die Erinnerungen an die Schulzeit einer Nebelmaschine gleich, vielleicht auch unter dem Einfluss des einen oder anderen Tropfens, mit einem wundersamen Schleier verhüllt. Unangenehme Erinnerungen verblassen bereits und viele kleine Erleichterungssteine über das Erreichen dieses ersten großen Lebensziels fallen gerade heute Abend immer noch aus dem einen oder anderen Herzen.  

Was nehmt Ihr nun mit vom Abilymp – Ihr Göttinnen und Götter des Sta®bergs?

An erster Stelle, so glaube ich, Zuversicht und Kompetenz, und die sind, wie die Engländer bekanntlich sagen, eine unschlagbare Armee. Die Ausnahme des gestrigen Ausscheidens aus der EM bestätigt dabei natürlich nur die Regel.

Zuversicht, weil Eure Eltern Euch Geborgenheit, Beständigkeit und Zuverlässigkeit gegeben und damit so etwas wie Urvertrauen in Euch gesät haben.

Zuversicht, weil Ihr Euch auf Eure Freundinnen und Freunde verlassen könnt, die Euch auffangen, wenn das Thermometer im Minusbereich ist, und die Euch trösten und beruhigen, wenn Ihr aufgewühlt seid.

Zuversicht aber auch, weil Ihr an beiden Schulen Lehrerinnen und Lehrer hattet, die Euch in Eurer Entwicklung gestärkt haben, die Euch geholfen haben, an Euch zu glauben, wenn es einmal nicht so gut lief, die in Euch nicht nur die Lernmaschine gesehen haben und zu denen Ihr z.T. recht herzliche Beziehungen aufgebaut habt.

Zuversicht nicht zuletzt, weil Ihr Euch mental managen könnt und auch in Phasen höchster Belastung oder Desolation nicht aufgebt.

Und Kompetenz, weil Ihr durch viele herausragende Leistungen gezeigt habt, dass Ihr lernen und etwas aus dem schulischen und außerschulischen Angebot machen könnt und weil Ihr, wie ich glaube, gute und engagierte Lehrerinnen und Lehrer hattet, die hinter dem standen, was sie Euch zu vermitteln versuchten.

Sind Zuversicht und Kompetenz aber ausreichendes Rüstzeug, um für die kommenden Schlachten des Lebens gewappnet zu sein und unsere Gesellschaft weiterzuentwickeln?

Eure persönliche Zuversicht und Euer Vertrauen in den Staberg kann Euch niemand nehmen, doch wie steht es mit dem Vertrauen in unsere Gesellschaft?

Seit den Terroranschlägen auf amerikanische Einrichtungen im September 2001, die einige von Euch hautnah als Austauschschüler in den USA miterlebt haben, wird Euer Vertrauen in unsere Welt täglich neu erschüttert. Meldungen über Bombenanschläge, Giftgasattacken, barbarische Mordszenarien, Selbstmordkommandos, das Auslöschen ganzer Völker wie jetzt im Sudan, Kriege um Religion, Wasser oder Energiequellen, Umweltkatastrophen wie Erdbeben, Hochwasser, Lawinen, Stürme oder Brände lassen uns abstumpfen, weil wir so viel menschliches Leid seelisch gar nicht verarbeiten können. Außerdem fühlen wir uns hilflos, weil wir die Netzwerke des Terrors und der Korruption nicht durchschauen. Wir sind skeptisch und politikmüde.

Dennoch bleibt Ihr ein in der Gesellschaft lebendes Wesen und tragt von nun an sehr viel mehr Verantwortung für ein Leben in Freiheit, in dem ein friedliches ökologisches, wirtschaftliches und soziales Gleichgewicht gesichert sein soll. Zwar können wir über den Zustand unserer Gesellschaft lamentieren und, wie es so schön heißt, auf immer höheren Niveau klagen, doch dabei übersehen wir oft, dass wir zu Beobachtern geworden sind, zu Fernsehzuschauern, die oft selbstgerecht ihre Mitarbeit an unserer Gesellschaft aufgegeben haben.

Natürlich ist Skepsis eine Tugend, mit deren Hilfe wir vor vielen falschen Versprechungen unserer schönen neuen Welt sicher sind, doch fehlendes Vertrauen in unsere Gesellschaft lähmt uns und blockiert unser Engagement für eine gerechtere Welt.

Wenige Tage bevor der Abi-Brunch stattfand, hatten sich nur zwei von Ihnen auf der Liste der Verantwortlichen eingetragen. Als dies zwei andere von Ihnen sahen, stand für sie fest, dass sie sich natürlich eintrugen, sofort eine Einkaufsliste erstellten und sich dann zum Einkauf der verschiedenen Lebensmittel in die Stadt aufmachten. Als sie mir dies erzählten, hörte ich weder Jammern noch Lästern über die 95 Schülerinnen und Schüler, die sich nicht eingetragen hatten, sondern nur: ‚Wir konnten uns doch nicht blamieren, also haben wir das mitorganisiert.’ Vermutlich ist Verantwortung tatsächlich so einfach: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben und sich für das Ganze verantwortlich fühlen.

So wie Ihr in Eurer kleinen Gemeinschaft bisher Verantwortung übernommen habt, so möchte ich Euch darin ermutigen, dass Ihr Euch auch fortan im Studium, in der Lehre und im Beruf darauf vorbereitet, Euch immer auch für das Wohl unserer Gesellschaft einzusetzen. Ihr seid nun einmal das Beste, was wir unserer Gesellschaft vermachen, vorausgesetzt, das Vertrauen, das Ihr in Eure Fähigkeiten und in Eure Persönlichkeit gewonnen habt und das wir in Euch setzen, schlägt nicht in Selbstüberschätzung um.

Wenn Ihr Euch vertraut und wisst, wie Ihr Euch wieder aufbauen könnt, dann könnt Ihr Euch auch unbeschwert für andere öffnen und Eure Sinne sprechen lassen, wenn Ihr Neuem begegnet. Wie glücklich ist ein Mensch, wenn er eine neue Situation oder einen unbekannten Menschen nicht misstrauisch taxiert, sondern sich öffnet und erst allmählich seine Eindrücke sortiert, seine ersten Annahmen überprüft, sich auch verunsichern lässt, weil keine Einordnung möglich ist.

Wie unglücklich dagegen ein Mensch, der sein Zielfernrohr bereits geladen hat, bevor er überhaupt erst dem Neuen begegnet. Seine Wahrnehmung ist auf einen einzigen Punkt im Visier gerichtet und er wird die Landschaft gar nicht sehen können, die diesen Punkt umgibt. Ähnlich verhält es sich mit unseren menschlichen Begegnungen. Wir sind verunsichert, wenn wir Fremdes, Eigentümliches, Verunsicherndes wahrnehmen und können mit Ungewissheit nicht umgehen. Aber warum nicht? Warum müssen wir uns stets bestätigen, dass andere Unrecht haben, nur weil sie nicht so denken, fühlen oder aussehen wie wir? Unser Anspruch an unsere Perfektion ist oft nur auf Kosten der Ablehnung oder der Herabsetzung Anderer aufrechtzuerhalten. 

Perfektion ist aber keine schöne Lilie, die sich dem Licht entgegenstreckt und von anderen bewundert wird, sondern eine verborgene Wurzel, die sich immer weiter im Erdreich verzweigt, um an Stärke und Festigkeit zu gewinnen und allen Anfechtungen trotzen zu können. Wenn ich dies weiß und auf meine Wurzeln vertraue, kann ich den Blick von mir wenden und ihn auf andere richten.

Bill Clinton hat vor ein paar Tagen seine Biografie veröffentlicht und er bekennt als schlimmsten Fehler seines bisherigen Lebens, dass er seinem Alpha-Instinkt zu sehr freien Lauf gegeben hat. Nun wissen wir zwar von uns unseren männlichen Mitmenschen, was ihr Alpha-Instinkt ist, doch lasst uns das Ganze etwas allgemeiner betrachten: Stellt Euch den Alpha-Instinkt so vor, dass Ihr das, was Ihr im Leben am liebsten tun, an oberster Stelle in einer Art Werte-Hierarchie setzt. Einmal gesetzt, tut Ihr alles, um Euer Bedürfnis zu befriedigen. ‚Who’s gonna stop me?’ Alles wird getan, um in den Genuss der Erfüllung dieses Wunsches zu kommen. Das kann ein neues Kleid sein, eine CD, Autozubehör, was auch immer. Alpha-Instinkt bedeutet so viel wie: alles auszuschließen, was der Erfüllung dieses Wunsches im Wege steht. Vertrauen in die eigenen Kräfte ist hier umgeschlagen in eine egoistische Verabsolutierung der eigenen Wünsche, die sich jeglicher Kontrolle entzieht. Die einzige Rechtfertigung, die der Alpha-Instinkt zulässt, lautet: Ich  fühle mich einfach gut danach. Wie die anderen damit umgehen, steht nicht zur Debatte.

Steuern wir hingegen solche einseitigen Impulse, solche schematischen Wahrnehmungen und solche ideologisierten Einordnungen, dann nehmen wir viel eher die Lebhaftigkeit, Farbigkeit und Verzweigtheit unserer Realität wahr – nehmen wir doch nun das ganze Bild auf. Wenn sich dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten die ungeteilte und entspannte Aufmerksamkeit für innere und äußere Vorgängen beigesellt, wenn wir die verschiedensten Perspektiven an uns heranlassen und auf das sofortige schematische Einordnen und die sofortige Wunscherfüllung des Chefseins noch heute verzichten, dann bleiben wir wachsam und offen. Diese Fähigkeit nennt man Achtsamkeit, Achtsamkeit für sich selbst und für Andere.

Ich wünsche Euch, dass Ihr den Mut zu einer solche Achtsamkeit habt. Achtsamkeit heißt auch, Verunsicherungen zulassen, Zweifel aushalten, experimentierfreudig sein, mit Wahrnehmungen spielen zu lernen, Perspektiven zu wechseln und Eure Sinne sprechen zu lassen, bevor Ihr selbst Urteile sprecht.  

Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass in der örtlichen Presse manchmal versehentlich der Name ‚Starberg’ erscheint? Wie kurios und peinlich zugleich!

Heute ist es für uns alle sehr einfach geworden, zu Stars zu werden, vom Nobody zum Superstar aufzusteigen. Die meisten von Euch könnten bei entsprechendem Marketing das Gesicht des Jahres 2004 werden, sich in TV-Formaten schnellen Ruhm oder in Quizshows Millionen holen. Viele von uns haben einen ungehemmten Wunsch nach Ruhm und Erfolg und ein grenzenloses Selbstvertrauen. Da ja schließlich nur die erbarmungslose Vermarktung der eigenen Person medienwirksame Aufmerksamkeit und Erfolg verspricht, wird es uns sehr einfach gemacht, dem, was andere zu sagen haben, Geringschätzung und Spott entgegenzubringen. Wir werden hochmütig, verschmähen andere oder nehmen sie als Bedrohung, Störung oder Konkurrenz wahr. Doch ohne ausreichende Korrekturen durch andere wird die Gefahr immer größer, dass uns blinde Selbsterhöhung den rechten Maßstab für die realistische Einschätzung unserer Fähigkeiten verlieren lässt. Dann hilft uns unsere Kompetenz auch nicht mehr weiter, weil wir, wie es so trefflich als Peterprinzip bekannt ist, uns zur Inkompetenz auf eine Stufe katapultiert haben, der wir nicht mehr gewachsen sind.   

Vielleicht seid Ihr bei der Auseinandersetzung mit den griechischen Sagen auch Phaeton, dem Sohn des Sonnengottes Helios, begegnet. Phaetons größter Wunsch, neudeutsch sein ‚Alphainstinkt’, ist es, dass sein Vater ihm für einen Tag die Lenkung des geflügelten Sonnenwagens anvertrauen möge. Obwohl sein Vater ihm dies aufgrund seiner Jugend, seiner Sterblichkeit und aufgrund der unberechenbaren Himmelsbewegungen nicht zutraut, muss er diesem vermessenen Wunsch nachgeben, da er ein Versprechen einzuhalten hat. Als der Jüngling Phaeton den Sonnenwagen betritt, hört er nicht mehr auf die mahnenden Worte und Anweisungen seines Vaters, sondern ist zu erfreut, endlich die ersehnten Zügel in den Händen zu haben. Doch die Rosse merken, dass sie nicht von der gestrengen Hand Helios gelenkt werden und beginnen bald die gewohnte Bahn zu verlassen.

Phaeton weiß nicht, wie er die Zügel lenken soll und die wilden Rosse bändigen kann. Er ist unwissend und kennt nicht die erlösenden Worte und Befehle, um die Rosse zu beherrschen. Ihre Willkür reißt Wagen und ihn fort und richtet unvorstellbare Zerstörung an:

Schon berührten die Rosse die erste Wolkenschicht, die bald entzündet aufdampfte. Immer wieder stürzte der Wagen, und unversehens war er einem hohen Gebirge nahe gekommen. Da lechzte vor Hitze der Boden und spaltete sich, und weil plötzlich alle Säfte austrockneten, fing er an zu glimmen; das Heidegras wurde weißgelb und welkte hinweg; bald war die Glut bei der Ebene angekommen; nun wurde die Saat weggebrannt, ganze Städte gingen in Flammen auf. Länder mit all ihrer Bevölkerung wurden versengt; rings brannten Hügel, Wälder und Berge. Damals sollen auch die Mohren schwarz geworden sein. Die Ströme versiegten oder flohen erschreckt nach ihrer Quelle zurück, das Meer selbst wurde zusammengedrängt und was jüngst noch See war, wurde trockenes Sandfeld. ... Damals, sagte man, sei ein Tag der Erde ohne Sonnenlicht vorübergeflogen.*

Vielleicht war es ja kein Zufall, dass Ihr in Eurem Abi-Gottesdienst zwei Ausschnitte aus dem Film ‚Bruce Almighty’ gezeigt habt, dessen exzessive Selbstüberschätzung ein ebensolches Chaos wie das von Phaeton anrichtet.

Vermutlich birgt der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit schon das Scheitern in sich, weil er die Achtsamkeit ausschließt. Und vermutlich sind es tatsächlich nur die Götter, die sich mit dem Attribut der Unfehlbarkeit schmücken dürfen.

Die griechischen Götter waren von erhabener Größe, allen voran natürlich Zeus, der große Beschützer, Wettermacher, Schicksalsdeuter und Schicksalslenker. Sie gaben Zeichen und verfügten über magische Kräfte, sie waren gnädig mit Hilfesuchenden aber unerbittlich und erbarmungslos gegen Übeltäter. Sie wurden ehrfürchtig respektiert, weil sie als gerecht empfunden wurden. Überlassen wir es bitte auch weiter den Göttern des Klassischen Altertums, den Olymp zu bewohnen und über das Schicksal anderer zu richten.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Eure Eltern, Freunde und Lehrer haben dazu beigetragen, dass Ihr Selbstvertrauen, Zuversicht und Kompetenz entwickelt habt. Nun ist es an Euch, Euch zusätzlich für die Tugend der Achtsamkeit zu entscheiden. Kompetenz ohne Vertrauen bleibt unglaubwürdig, Vertrauen ohne Achtsamkeit bleibt narzisstisch und Achtsamkeit ohne Kompetenz allerhöchstens bedauernswert.

In diesem Sinne wünsche ich Euch, dass Ihr Euer Selbstvertrauen und Eure Kompetenz immer achtsam einsetzt. Viel Erfolg auf Eurem weiteren Lebensweg!

* Gustav Schwab, Sagen des Klassischen Altertums. Hrsg. v. E. R. Lehmann. Wiesbaden-Berlin: Emil Vollmer Verlag o.J., S. 22