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Kotzebue-Lustspiel mit kräftigem Lokalkolorit begeisterte Publikum

Fotos von der Erstaufführung am 15. März 2005

WR v. 17.03.05 Dem Himmel sei Dank, dass die Menschen in dieser kleinen Stadt wenigstes früh zu Bett gehen!" Ohne Titel und ohne Amt hat Herr Olmers, Schul- und Universitätsfreund des "dirigierenden Herrn Ministers", im biederen Lüdenscheid einen schweren Stand.

Höchst verdächtig erscheint den Titel süchtigen Kleinbürgern, voran Bürgermeister Nikolaus Staar und den Seinen, das freie Benehmen des vornehmen jungen Herrn. Nicht genug damit, dass er bei Tisch keinen Bissen verzehrt - wie unschicklich - und die Frau Untersteuereinnehmerin mit "Madame" tituliert, besitzt er auch noch die Frechheit, sich kurz und knapp zu erklären - und um Sabine, des Bürgermeisters liebreizende Tochter, zu freien. Dabei ist die längst dem betuchten, betitelten Sperling versprochen, der unentwegt an ihrem Rockzipfel klebt.

Während Sperling, Bau-, Berg- und Weginspektor, der Widerspenstigen ein nächtliches Ständchen bringt, führt diese - endlich allein - ihren Liebsten in die Geheimnisse des Provinzlebens ein. "Weiß er denn nicht einmal, dass man vorher ein halbes Jahr in einem Hause ab und zu, aus und ein gehen muss, ehe man zu solchen Extremitäten schreitet?": Mit August von Kotzebues Lustspiel "Die deutschen Kleinstädter", 1803 erstaufgeführt, fühlte die Theater-AG des Geschwister-Scholl-Gymnasiums unter Leitung von Sabine Rathmann und Ina Rogge am Dienstagabend in der Scholl-Aula kleinbürgerlichem Denken spielfreudig und amüsant auf den Zahn.

Aus ihrer Zeit heraus holten die Schüler die augenzwinkernde, spitzfindige Persiflage auf die Titelsucht der Deutschen und verliehen ihr Gültigkeit im Heute und Jetzt. Möblierung und Volkswagen-Attrappe - ferner der Verzicht auf jegliche Perücken - rückten das Stück ins 20. Jahrhundert. Zum Lachen brachten das obligatorische, witzige Hirschgeweih in Staars Wohnung und die Häuserzeile des nächtlichen vierten Akts, hinter deren Fassade sich munteres, illustres Leben abspielte. Viel Liebe zum Detail zeigte das Bühnenbild (verantwortlich: Christian Krebs), das kleinstädtischem Leben amüsant Tribut zollte.

Naheliegend avancierte Lüdenscheid zum Ort des Geschehens und nahm die Stelle von Kotzebues erfundenem, doch sprichwörtlich gewordenem "Krähwinkel" ein. Kräftiges Lokalkolorit kam in mancherlei Anspielungen zum Ausdruck. Unangetastet blieb aber der Wortwitz des Lustspiels. Schon klasse, wie viel Text die jungen Akteure meisterten in spitz geführten, vieldeutigen Dialogen und gestelzter, betont manierlicher Sprache voll zungenbrecherischer Titel. Situationskomik amüsierte ein sichtlich begeistertes Publikum, wenn Olmers (Lukas Altenheiner) von einem Fettnäpfchen ins nächste trat und keine Manieren zeigte oder Sperling (Christoph Henrichs) seine schauerliche Katzenmusik anstimmte und sich dabei wie der größte Dichter vorkam. Für Turbulenzen sorgte Sabinchen (Fabienne Ganghoff), die der sittsamen Frau Großmama (Lea Höller) das Bild ihres Liebsten als Königsporträt "verkaufte". Weder vor den geschwätzigen Muhmen Frau Brendel (Janika Büdenbender) und Frau Morgenrot (Ann-Kathrin Poweleit) noch vor den Augen des Bürgermeisters (Annica Säwe) und seines Bruders (Thomas Gies) fand Olmers Ansinnen, Sabine zu heiraten, Befürworter.

Gut, dass die Kleinstädter zuletzt in argen Nöten waren und Olmers einen Titel, "Geheimer Kommissionsrat", aus dem Ärmel zauberte. Heute um 19.30 Uhr hebt sich noch einmal - in teils anderer Besetzung - der Vorhang für das amüsante Spiel.