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Filmrezension zum Spielfilm "Der Untergang"

von Sebastian Hoffmann, Jg. 13

Der Film „Der Untergang“ verfehlt den Anspruch, die menschliche Seite des Dritten Reiches zu zeigen, und das vielleicht auch gerade deshalb, weil er eben diesen hat. Handwerklich ist der Film durchaus gut gemacht und kommt qualitativ an Hollywoodproduktionen heran. Auch wenn die Musik nicht allzu abwechslungsreich und charakteristisch ist, ist sie doch passend eingesetzt und unterstreicht die Intention der jeweiligen Szenen. Dies gilt auch für Licht und akustische Effekte, wobei zu bemerken ist, dass die Lautstärke der Umgebungsgeräusche nicht, wie in den meisten deutschen Produktionen, überdurchschnittlich hoch ist, sondern sich eher an der US-amerikanischer Filme orientiert.

Auch an der schauspielerischen Leistung der Hauptdarsteller gibt es nichts zu bemängeln. Natürlich werden einige Personen durchweg zu positiv dargestellt, das ist aber nicht Schuld der Schauspieler, sondern eher des Regisseurs und des Produzenten, die das Problem haben, dass ein Spielfilm Helden braucht. Isoliert von der Handlung des Films betrachtet ist die schauspielerische Leistung Bruno Ganz’ durchaus überzeugend. Ganz ist ein perfekter Hitler-Imitator: Er sieht dem Führer nicht unbedingt unähnlich mit passender Frisur und Bart und schafft es mit Perfektion, seine Gestik und Rhetorik zu imitieren und von seinem eigenen leicht schweizerischen Dialekt authentisch auf Hitlers dunkles Österreichisch mit gerolltem R umzuschalten.

Bei den anderen Darstellern ist der Eindruck vielschichtiger und nicht durchweg positiv. Alexandra Lara, die Traudl Junge spielt, macht dies sicherlich gut, allerdings hat man den unfreiwilligen Eindruck, sie sei direkt aus einem Heimatfilm entsprungen. Sicherlich kann Frau Lara nichts für ihr Aussehen und ihr Gesicht, das ja nicht hässlich ist, aber der Produzent kann etwas dafür, dass er Alexandra Lara für diese Rolle auswählte. Ulrich Matthes imitiert ebenfalls mit großem schauspielerischen Können Joseph Goebbels, wenn auch nicht ganz so überragend wie Bruno Ganz. Die Gestik und den rheinischen Dialekt – beides aus den Reden des Propagandaministers bekannt – hat Matthes unübertroffen drauf. Allerdings scheint die Maske die Absicht gehabt zu haben, den von Matthes gespielten Goebbels sehr gespenstisch aussehen zu lassen. Er wirkt jedenfalls deutlich überschminkt mit eingefallenen Wangen und tief liegenden Augen, anders als in anderen Rollen. Damit gehen die Filmemacher das schwerwiegende Risiko ein, Matthes in seiner Rolle zu einer Goebbels-Karikatur werden zu lassen. Corinna Harfouch, die dessen Gattin Magda Goebbels verkörpert, hat die weit schwierigere Rolle, weil sie eine Mutter darstellen muss, die ihre eigenen Kinder ermordet und dabei sehr gefühllos und kalt bleibt. Ob Harfouch Magda Goebbels authentisch darstellt, könnte wahrscheinlich nur Magda Goebbels selbst beantworten, ich maße mir dies nicht an.

Anders verhält es sich bei dem SS-Arzt Prof. Schenk. Es ist allgemein bekannt, dass dieser für diverse Verbrechen verantwortlich ist, von denen man im Film nichts erfährt oder auch nur erahnt. Vielmehr wird er als derjenige dargestellt, der den anderen klarmachen möchte, wie sinnlos es doch ist, sich umzubringen, so weit ginge die Soldatenehre nun auch nicht. Das macht ihn für die Zuschauer natürlich sympathisch. Die Rolle eines Helden nimmt er dann endgültig ein, als er aus einem unter Beschuss liegenden Gebäude Medikamente holen will. Albert Speer, der beispielsweise in „Nürenberg – im Namen der Menschlichkeit“ diese positive Rolle einnahm, ist hier eher neutral dargestellt. Heino Ferch hat wohl eher die Funktion, Quellen zu zitieren, was auch ein Problem des Films ist, da später noch angesprochen wird.

Die anderen Darsteller sind nicht weiter erwähnenswert. Sie spielen allesamt auf den ersten Blick überzeugend und fügen sich in das Gesamtwerk des Filmes ein, ob sie die jeweilige Person jedoch in dieser speziellen Situation im Bunker auch authentisch rüberbringen, kann man kaum beurteilen, wenn man nicht dabei gewesen ist.

Das erste grundlegende Problem, das der Film hat, ist, dass sich kein roter Faden durch ihn zieht, der das Ganze zusammenhält. Mal zeigt der Film einen SS-Arzt, der durch Berlin rennt und Medikamente sammelt, mal Hitler, wie er über Karten gebeugt ist und die Rückeroberung der Ölgebiete beschließt, mal wird Traudl Junges „Alltag“ im Bunker gezeigt. All das wirkt aber wie Stückwerk und aus unterschiedlichen Quellen zusammengesetzt, mit dem Anspruch, möglichst authentisch zu sein. Die persönliche Geschichte Traudl Junges ist zwar überdurchschnittlich im Vordergrund, hat aber nicht die Qualität einer wirklichen Rahmenhandlung. Obwohl die Hauptinformationsquelle des Films Traudl Junges Aufzeichnungen sind, ist der Film keineswegs aus deren Sicht gezeigt. Was ebenfalls auffällt, ist, dass Alexandra Lara als Traudl Junge oft Dinge sagt, die aufgesetzt wirken und wohl auch direkt aus den Aufzeichnungen Junges stammen, so zum Beispiel die Szene, in der Traudl Junge dem Führer ankündigt, sie würde wie Eva Braun bei ihm bleiben. Dies fällt ebenso bei Albert Speer auf und gilt wahrscheinlich auch bei anderen Personen, die den Krieg überlebten und später berichten konnten.

Der Film weiß nicht, in welche Richtung er will. Will er die letzten zwölf Tage minutiös dokumentieren? Will er die psychologischen Abgründe der Person Hitlers zeigen? Will er den Nationalsozialismus aufarbeiten? Will er einfach eine gute Unterhaltung sein?

Irgendwie will „Der Untergang“ alles, und schafft eigentlich nichts davon. Wirklich unterhalten sollte der Film eigentlich niemanden, er ist weder komisch noch spannend – man kennt ja das Ende schon. Den Nationalsozialismus aufarbeiten kann er schon deshalb nicht, weil er die sechs Millionen ermordeten Juden und die 50 Millionen Kriegsopfer insgesamt erst im Abspann erwähnt. Die psychologischen Abgründe Hitlers zeigen kann er nicht, weil das in einem solchen Film nicht möglich ist. Man kann durchaus eine Fernsehdokumentation herstellen, in der man Quellen sammelt und Hitler quasi von innen zu beleuchten versucht. Aber eine Person, die für die Menschheit das personifizierte Böse darstellt, in einem Spielfilm weinen zu lassen, verwirrt die Zuschauer eher, als sie intellektuell weiterzubringen. Ähnliches gilt auch für den Anspruch, die letzten 12 Tage genau nachzubilden. Die Mischung aus echter Handlung und Dialogen und Erfundenem schafft es vielleicht, dem Zuschauer einen Eindruck zu vermitteln, mehr aber auch nicht.

Letztendlich fragt man sich, was der Film nun genützt hat, wofür genau man ihn braucht und ob man ihn wirklich braucht. Er ist nicht schlecht, aber er scheitert am Ende. Das einzige, was der Film wohl bewirken wird, ist, dass einige Tabus – z.B. die Darstellung von Adolf Hitler – gebrochen werden, von denen wir noch nicht wissen, ob es nicht besser war, dass es sie gab.