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Rechte Gewalt als tickende Zeitbombe

Aufführung der Theater-AG vom 05. April 2006                          Zum Fotoalbum

 

 

 

 

WR vom 07.04.2006 "Stellt euch mal vor: die Toten, die Verletzten, das Geschrei! Und du musst dir sagen: Ich bin dafür verantwortlich!" Wachsende Skrupel beschleichen Kalle, Moses und Erbse, drei Fußballfans. Sie haben in der Ostkurve, wo die türkischen Fans sitzen, einen "Knallfrosch" versteckt.

Was, wenn der "Knallfrosch", den ihnen Neonazi Manni untergejubelt hat, in Wirklichkeit kein harmloser Sprengkörper, sondern eine Bombe ist? Was, wenn Menschen zerfetzt werden, Panik ausbricht, womöglich Dutzende totgetrampelt werden? Soll Manni doch selbst in der Ostkurve sitzen, wenns nur um ein bisschen Randale und Krawall gegen Ausländer geht. Entsetzt müssen die Jugendlichen erkennen, dass sich Manni längst aus dem Staub gemacht hat und im Stadion eine Bombe tickt.

Zum rechten Zeitpunkt, kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft, brachte die Theater-AG des Geschwister-Scholl-Gymnasiums am Mittwochabend mit Karlheinz Komms "Westkurve" ein ernstes, nachdenklich stimmendes Stück auf die Bühne, das für reichlich Gesprächsstoff in der gut besuchten Schulaula sorgte. Unter Regie von Sabine Rathmann und Ina Rogge lenkten die jungen Akteure, die aus den Klassen 5 bis 12 stammten, das Augenmerk gezielt auf brandaktuelle, drängende Problematik.

Brennenden Themen wie Nationalsozialismus und Fußball, Ausländerfeindlichkeit, Hass und Gewalt nahm sich das Stück an, das Jugendliche in ihrer Perspektivlosigkeit, ihrem aufgestauten Frust und ihrer Empfänglichkeit für rechtes Gedankengut zeigte.

In kurzen Spielszenen, die die drei fanatischen Fußballfreaks in ihr häusliches Umfeld, in Kneipe, Park oder Jugendzentrum begleiteten, erzählte das Stück die Geschichte der "Westkurve". Ohne größere Umbauten - möglich durch gleichzeitige Präsenz verschiedener Bühnenbilder auf der Spielfläche - kam die ambitionierte Inszenierung aus. Wenige Handgriffe und geschickte Lichtführung genügten, die in der Bühnenbau-AG von Christian Krebs entstandenen Kulissen in wechselnde Schauplätze zu verwandeln.

Ihre Begeisterung für den FC Lüdenscheid trugen Kalle, Erbse und Moses, die in der "Westkurve" schlagkräftig hinter der Mannschaft standen, auf ihren T-Shirts zur Schau. Rauen, groben Umgangston pflegten die Jugendlichen, die in der Gruppe Halt suchten und gefährlichen Einflüsterungen erlagen. 

Nachdruck verlieh eine Power Point Präsentation der spannenden Inszenierung. Beklemmende Hintergrund-Informationen zu den Themen des Stücks - zu Randale in Stadien, diskriminierenden Ausdrücken in der deutschen Sprache und fremdenfeindlichen, rassistischen Tendenzen - zwangen zum Hinsehen und unterstrichen die Aktualität des Stücks. 

Eine spielfreudige, muntere Truppe schickte die Theater-AG ins Rennen, den Anschlag auf die Ostkurve in letzter Minute zu vereiteln. Als Moses, von Skrupeln geplagt, war Annica Säwe die Erste, die Mannis Absichten infrage stellte und die Polizei informierte. 

Auch beim temperamentvollen, aufbrausenden Kalle (Ann-Kathrin Poweleit), noch von den Blessuren der letzten Auseinandersetzung im Stadion gezeichnet, und dem ruhigeren Erbse (Philip Widenka), der als einziger einen Ausbildungsplatz hatte, regte sich das schlechte Gewissen. Als Unbelehrbarer nutzte Manni alias Dominic Lohoff die Haltlosigkeit der Jugendlichen, die zwischen Aggression und Resignation pendelten, aus und zog sie tückisch hinein ins braune Netz.

HINTERGRUND

Teilweise in Doppelrollen sensibilisierten Janika Büdenbender (Kalles Mutter), Jenny Göhl (Moses Mutter), Simon Graeber (Betrunkener, Passant), Baran Kaya (Kriminalkommissar), Rupert Krause (Sozialarbeiter), Kira Kropornicki (Beate, Frau Schmidt), Linda Volmerg (Wirtin), Max Schulte (Kalles Vater), Marie Segger (Malergeselle), Laura Segger (Protokollantin) und Panthea Shari (Vermieterin) für die WM und ihre Gefahren.

Von Monika Salzmann

Nächstes Schauspiel: "Nellie Good-Bye"

Ernst ist auch das Thema des zweiten Stückes, das im Mai auf die Bühne kommt. "Nellie Good-Bye" heißt das Schauspiel, das sein Augenmerk auf Krankheit richtet.

Vorgesehen sind Aufführungen der Theater-AG am Geschwister-Scholl-Gymnasium am 22. und 23. Mai.