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Rede zum Abitur 2006

von Frau OStD' A. Malycha, Geschwister-Scholl-Gymnasium

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Verwandte und Freunde.

Gemeinsam mit Herrn Dr. Werth darf ich Sie heute Abend herzlich willkommen heißen, um mit Ihnen den Abschluss einer erfolgreichen neunjährigen oder – im Einzelfall – erfolgreichen längeren Schulzeit am Zeppelin- und am Geschwister-Scholl-Gymnasium zu feiern.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

nachdem das deutsche Selbstbewusstsein seit einer Woche Erhebliches an Boden gutmacht, gehe ich davon aus, dass hier niemand sitzt, der keinen Fußball schaut, keine Paninibildchen einklebt oder die Abseitsregel nicht kennt. Selbst die resignative Haltung, die seit einigen Jahren über Deutschland  liegt – Sie wissen schon, fehlende Aufbruchstimmung, zu strenge Sicherheitsregeln, nicht vorhandene Finanziers für Innovationsprozesse, drohende Steuererhöhungen, Rentenloch, zweistellige Arbeitslosenquote – ist wie weggeblasen und die Aussage, dass Deutschland seine Zukunft bereits verspielt hat, begegnet uns nun in der vorsichtig optimistischen Frage: ‚Erspielt Deutschland derzeit seine Zukunft’? Sollte es vielleicht doch einen Fußballgott geben, den wir darum bitten können, dass wir Weltmeister werden, damit diese Stimmung lange anhält? Oder verbirgt jedes Spiel einen geheimnisvollen Schlüssel zum Erfolg?

Aber ernsthaft, sollten es tatsächlich die Schüsse von Lahm, Klose, Frings und Neuville sein, die uns nicht nur einen Zuwachs an Fan-Fun-Feiern bescheren, sondern Begeisterungsfähigkeit und Hartnäckigkeit in ein gebeuteltes Land zurückbringen? Selbst wenn dies zunächst nur auf dem Spielfeld gilt, wer kann ausschließen, dass wir ab dem 9. Juli kein entmutigtes Volk mehr sind, das den Anschluss an eine globalisierte Welt verloren hat, sondern völlig neue Höchstleistungen vorzeigen, die uns bereits für die post-globalisierte Ära empfehlen?

Sollte es stimmen, dass auch Sie in Zukunft nur noch mit Höchstleistungen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, dann lassen Sie uns einmal anschauen, was Ihnen das Fußballspiel über Ihre Erfolgs-Intelligenz sagen könnte:

  • Sie sind motiviert, sonst würden Sie nicht spielen.

  • Sie lassen Ihrer Wut bei Misserfolgen keinen freien Lauf, da Sie weder Strafstoß noch Rote Karte riskieren möchten, d.h. Sie kontrollieren Ihre Impulse.

  • Sie haben einen festen Durchhaltewillen, schließlich dauert das Spiel 90 Minuten.

  • Ihren Fähigkeiten entsprechend spielen Sie nicht in jedem Spiel eine andere Position, d.h. Sie schätzen Ihre Kräfte realistisch ein.

  • Sie sind voller Tatkraft, da Sie sonst ausgewechselt würden.

  • Sie arbeiten auf Tore hin, d.h. Sie sind ergebnisorientiert.

  • Sie verteidigen Ihr eigenes Tor, d.h. Sie zeigen Problemlösefähigkeit.

  • Sie kämpfen um jeden Ball, was für Ihre Initiative spricht.

  • Sie analysieren Fehler erst nach dem Spiel, solange sind Sie fehlertolerant.

  • Sie akzeptieren aber auch, was Ihr Trainer über Ihre Fehler sagt, d.h. Sie verfügen über Kritikakzeptanz.

  • Sie bewegen sich auf dem Spielfeld rasch nach vorne oder hinten und beweisen damit Zügigkeit.

  • Sie stecken Gegentore locker weg, was für Ihre Frustrationstoleranz spricht.

  • Sie müssen selbstständig entscheiden, in welche Richtung Sie laufen oder wen Sie anspielen, d.h. Sie zeigen Unabhängigkeit.

  • Es reicht Ihnen nicht, dem Spiel anderer zuzuschauen, Sie stehen auf Praxisorientierung.

  • Eins verlieren Sie nie aus dem Auge: das Tor, was für Ihr Zielbewusstsein spricht.

  • Geht ein Spiel daneben, bemühen Sie sich, aus Ihren Fehlern zu lernen, d.h. Sie sind an Optimierung interessiert.

  • Solange Sie Ihre Gegner an der Trikotfarbe erkennen, ist Ihr Unterscheidungsvermögen intakt.

  • Sie feiern Siege und stecken Niederlagen weg, was Zeichen Ihres Selbstbewusstseins ist. 

  • Nach dem Spiel lassen Sie es Revue passieren und denken über erfolgreiche und erfolglose Züge nach, d.h. Sie sind an Analytik interessiert.

Wenn Sie jetzt immer noch glauben, dass Fußballspieler Dumpfbacken sind und in der Regel kaum einen zusammenhängenden Satz formulieren können, dann wissen Sie nun zumindest, warum gute Spieler so erfolgreich im Geldverdienen sind. Die 20 gerade genannten Kriterien für Erfolgsintelligenz sind übrigens von dem bekannten Yale-University Hirnforscher Robert Sternberg Ende der 90er Jahre entwickelt worden. Er war es, der nachweisen konnte, dass erfolgsintelligente Leute das Beste aus ihren Stärken machen und Wege finden, ihre Schwächen zu überwinden.

Heißt dass nun, dass Sie ohne fußballerisches Können gar nicht erst ein Studium zu beginnen oder Ihre Lehrstelle anzutreten brauchen? Natürlich nicht, denn Sie können auch andere Spiele spielen, um diese Eigenschaften zu erlernen.

Nehmen Sie das Theaterspielen: Welch Wünsche, Hoffnungen oder Probleme können hier zum Ausdruck gebracht werden, welch gedanklicher Austausch, welche Rollenarbeit, welch Improvisieren oder Experimentieren ist hier möglich! Ganze Charaktere können Sie zusammenbauen oder abstürzen lassen, je nach theatralischen Ausdrucksmitteln, über die Sie verfügen. Auch im Theaterspielen wird Ihr voller psychischer und physischer Einsatz verlangt, Sie verhalten sich diszipliniert und loten die Grenzen der eigenen Belastbarkeit aus. Sie spielen mit Charakterkräften, was im normalen Leben eher undenkbar ist.

Oder vielleicht Videospiele? Warum nicht das vor Ihnen stehende Leben aus der Perspektive eines Computerspiels betrachten?

Pixelige Zeichentrickfiguren auf Flachbildschirmen durch immer schwierigere Level zu jagen und dabei ein kompliziertes Problem nach dem anderen zu lösen, ist nicht nur adrenalinsteigernd, sondern setzt bei jedem beginnenden neuen Level alle Hormone frei, die sonst nur dem Zustand der Begeisterung vorenthalten sind. Vielleicht meinte Joseph von Eichendorff vor 200 Jahren diesen ultimativen Gemütszustand, als er feststellte, „Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt“.

Im Prinzip funktioniert der Spieltrieb aber auch mit ‚Mensch ärgere Dich nicht’ oder beliebigen Wortspielen oder –witze.

In seiner Vorlesung „Über Pädagogik“ sagte Kant 1803: Man kann beschäftigt sein im Spiele, das nennt man in der Muße beschäftigt sein; aber man kann auch beschäftigt sein im Zwange, das nennt man Arbeiten.“ Für Kant war klar, dass die Übernahme des Arbeitsprinzips ein mühsamer, ernsthafter Prozess war, und das Kind sollte sich schon früh an den Zwang gewöhnen. Kindliches Spiel diente ihm nur der Erholung. Auch wenn er anderer Stelle vom ‚freien Spiel der Vorstellungskräfte’ („Kritik der Urteilskraft“) spricht, so war es doch Schiller, der den Begriff des Spiels zu einem philosophischen Prinzip erhob, zu einer grundlegenden Kategorie für das Ästhetische.

Schiller schreibt in seinem 14. Brief zur „Ästhetischen Erziehung“, dass in uns zwei Triebe tätig seien, der sinnliche, der immerzu nach Veränderung und neuen Inhalten strebt, und der Formtrieb, der diese Veränderung nicht zulässt, der Regelwerke erlässt und die Zeit sozusagen aufhalten will. Doch anstatt nun diesen widerstreitenden Kräften ausgesetzt zu sein, schafft ein dritter Trieb Harmonie, indem er die gegenwärtige Zeit zur Ewigkeit macht, Werden und absolutes Sein gleichsetzt, Veränderung mit Identität vereinbart, d.h. das Paradoxe harmonisiert. Und dieser Trieb ist der Spieltrieb. Der Spieltrieb will lebende Gestalten, also Schönheit schaffen, er ist gleichzusetzen mit Ästhetik, er befindet sich in der glücklichen Mitte zwischen Gesetz und Bedürfnis. Und im 15. Brief heißt es dann, „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Im Spiel werden dem Menschen die Fesseln aller Verhältnisse genommen und er ist von allen physischen und moralischen Zwängen entbunden (27. Brief).

Noch im letzten Jahrhundert glaubte man, dass junge Menschen Entbehrungen aushalten, an harte Arbeit gewöhnt und eine rationale Lebensführung erlernen müssten, um später gegen den Materialismus der Erwachsenenwelt gewappnet zu sein.

An die Stelle dieses Zähnezusammenbeißens und Sich-Zusammenreißens tritt heute eine Form der Selbstmotivation, die sich aus der Tätigkeit heraus ständig erneuert. Je mehr Sie sich mit einem Gegenstand beschäftige, desto mehr beginnt der Gegenstand Sie zu motivieren.

Spaß und Glück sind ja nie das Ergebnis passiven Erlebens, sondern das Ergebnis eigener Aktivität. Ichstärke entwickelt sich nur im Erproben, Grenzensetzen und in der Disziplinierung. Vom Spiel können wir aber auch lernen, dass harte Arbeit, Zähigkeit und Entschlossenheit für den Erfolg fast noch wichtiger sind als Begabung und Talent.

Was passiert aber, wenn Hartnäckigkeit, Zähigkeit und Durchhaltewille zu besessenem Leistungsdruck oder blindem Fanatismus führen?

Geglücktes Gelingen braucht Gelassenheit, diese besondere Stimmung, in der Sie sich von Druck und zwanghaftem Aktivsein befreit und von Eifer und Fanatismus gelöst haben und in gelöster und entspannter Stimmung frei von allen Pflichten mit dem Gegenstand spielen.

Und genau das ist es, was wir bei Herausforderungen vom Spiel lernen können:

Die Spannung zwischen Sicher-Gekonntem und dem Wagnis des Nicht-Könnens ist nur in Gelassenheit zu beherrschen, dieser zugleich agierenden und loslassenden Haltung. Gelassenheit bewahrt uns vor vernichtender Enttäuschung. Es sind die heitere Ruhe des Spiels, das ruhige, vertrauensvolle Verweilen in der Gegenwart, das Konzentrieren auf die vor uns liegende Aufgabe, die uns helfen, neue Wege zu gehen, das Unmögliche anzustreben. Gelassenheit ist der Wesenszug der Weisen, der Erleuchteten – der Illuminati. Heute würde diese Qualität vermutlich mit „hammergechillt“ zu umschreiben sein.

Gelassenheit hilft uns aber auch, Kraft in der Tätigkeit zu sammeln, sei es im Studium, in der Lehre oder im Beruf. „Momente des Innehaltens, des Nichtstuns und der Besinnung bringen uns weiter, denn in diesen Stunden arbeitet unsere Seele“ schreibt Stephan Grünewald in seinem neuesten Buch „Deutschland auf der Couch – eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft“.

Eure Schulzeit war ein Heimspiel, was vor Euch liegt, sind neue Herausforderungen oder neudeutsch level, um im Bild von Computerspielen zu sprechen.

Zum Glück wissen wir heute, wie wichtig ein entspannter Gemütszustand und eine positive Bewertung der Tätigkeit sind, damit wir lernen und Herausforderungen meistern können.

Lassen Sie mich zusammenfassen: Es gibt einen Gemütszustand, der die Vorzüge des Spiels in sich vereint und uns unser Leben erfolgreich bewältigen läst, und das ist die Gelassenheit, d.h. die Abwesenheit von Illusionen, Angst und Getriebensein und die Anwesenheit von Heiterkeit und innerer Ruhe. Ein solcher innerer Friede ist eine unschätzbare Tugend, eine Geisteshaltung, wie Spinoza schrieb, eine Neigung zu Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit.

Die Vollkommenheit besteht ja nicht in der Erkenntnis, sondern in dem Maß des gelassenen Sich-Einlassens, oder wie der katholische Kirchenlehrer und Philosoph Thomas von Aquin vor 800 Jahren sagte, in der Stärke der Ergriffenheit.

Müde wird man von der Arbeit, die man nicht tut; müde wird man aber auch von den Spielen, die man nicht spielt. Manchmal müssen Sie ausbrechen, um Grenzen zu verstehen. Manche nennen das Regelbruch, andere Kreativität.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, die Welt immer wieder einmal im und als Spiel zu betrachten, um sie in Wirklichkeit zu erobern. Neues Spiel, neues Glück! Viel Erfolg auf Ihrem weiteren Lebensweg!