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Ist ein Praktikum wirklich praktisch ?

von Alina Bartscher und Theodora Kapna

WR vom 19.01.07 - Seit  9. Januar machen einige hundert Schüler in Lüdenscheid und Umgebung ihr ca. dreiwöchiges Betriebspraktikum. Allein von den Staberger Gymnasien sind es 144 Elftklässler, die in 60 bis 70 Betrieben tätig sind, zu denen jährlich neue hinzukommen. Ebenso sammeln unter anderem die Schüler des Bergstadt-Gymnasiums und der Adolf-Reichwein-Gesamtschule Erfahrungen im Berufsleben.

 

Foto: U. Henkel Foto: U. Henkel

Hier geht es zu einem Zwischenbericht über das Praktikum im Klinikum Lüdenscheid

Dieses Jahr betreuen 18 nach Branchen und Kontakten zugeordnete Lehrer die Schüler des GSG und des Zeppelin-Gymnasiums wie schon seit 1991, dem "Geburtsjahr" des Praktikumsprogramms am Staberg. Sein Ziel ist es, dass die Schüler Überlegungen über ihre Berufswünsche anstellen und dementsprechend einen Einblick in den Berufsalltag erhalten. Aber ist ein Praktikum wirklich praktisch?

Julia Schwarzer (17, ZGL) absolviert ihr Praktikum in der Hauptstelle der Sparkasse. Zu ihrem Aufgabenbereich gehören Buchungen, Kundenbetreuung, Beraterzuweisung und Geldeinzahlungen. Selbst als Praktikantin muss sie sich an die Kleiderordnung halten, was sie jedoch nicht stört. Zwar weiß sie noch nicht, welchen Beruf sie später ausüben möchte, aber die Tätigkeit als Bankkauffrau wäre für sie "durchaus eine Option", weil ihr das Praktikum "Spaß macht" und sie es als sinnvoll erachtet. Schließlich ist es für sie bisher erwartungsgemäß verlaufen, das Berufsklima beschreibt sie sogar als "sehr familiär".

Ähnlich ergeht es Melanie Laudien (17, GSG) in der Stadtbücherei. Dort darf sie alle Bereiche kennenlernen, z.B. die Erwerbung (neuer Medien) oder die Abteilung "Mahnungen und Ersatzfälle". Da sie Mitglied im boo(k)lub sowie in der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis ist, hat sie sich für diese Stelle entschieden. Obwohl ihr diese Tätigkeit gefällt, käme sie als Beruf für Melanie nicht in Frage. Warum? "Ich möchte später auch etwas mit Biologie und Chemie machen, beispielsweise Artikel für eine Fachzeitschrift wie GEO schreiben." Dennoch findet sie das Praktikum nicht nutzlos.

Beim Finanzamt sind gleich fünf Praktikanten: Beatrix Grein (16, BGL), Sarah Veldhoen (16, GSG), Tobias Brosch (16, Anne-Frank-Gymnasium Halver), Annemarie Walter (17, AFG) und Marie- Louise Jagow (16, ZGL). Ihr Interesse wurde zum Teil durch Videos des Berufsinformationszentrums und Familienmitglieder, die selbst im Finanzamt gearbeitet haben, geweckt. Bislang haben die Praktikanten unter anderem den Lehrbezirk, die Veranlagungsstelle und die Neuaufnahmestelle zu sehen bekommen. Einige Bereiche beschreiben sie als "langweilig", da sie "nur daneben sitzen dürfen und sich etwas anhören, von dem man lediglich die Hälfte versteht". Als besonders attraktiv schildern sie den Außendienst und Betriebsprüfungen: "Wir wurden sogar in das Steuergeheimnis eingeweiht!". Auch sie sehen das Praktikum als zweckmäßig an - selbst wenn sie einen anderen Beruf wählen sollten, hätten sie dann "schon mehr Ahnung vom Finanzwesen". Die Vielfalt erleben sie als "positive Überraschung, und die Kollegen geben sich Mühe", sodass sich alle wohl fühlen. Allerdings fänden sie es besser, das Praktikum vorzuverlegen, weil diejenigen, die nach der zehnten Klasse die Schule verlassen, dann die gleichen Möglichkeiten bekämen, die Berufswelt zu erkunden.

Unvorhergesehenes passierte der 16-jährigen Kim Volmerg (GSG). Ursprünglich wollte sie ihr Praktikum im Sportklinikum absolvieren. Doch dann ist es ganz anders gekommen: Nun arbeitet sie im Waldorfkindergarten, den sie selbst früher besuchte, da sie leider keinen Platz im Sportkrankenhaus bekommen hat. Der Alltag im Kindergarten ist sehr strukturiert und man legt viel Wert auf gesunde Ernährung. Das Spielzeug ist größtenteils aus Holz oder Stoff. "Ansonsten ist es hier ein ganz normaler Kindergarten", erzählt Kim. Von den Kindern ist die Schülerin gut aufgenommen worden, sie hätte jedoch mehr Neugier erwartet. Alles in allem "macht es Spaß, ist aber sehr anstrengend". Nichtsdestoweniger möchte sie diesen Beruf später nicht ausüben, weil er ihr "keine Gelegenheiten zur Weiterentwicklung" böte. Dennoch meint auch sie, das Praktikum sei von Nutzen: "Man weiß danach wenigstens, was man nicht machen möchte."

Insgesamt sind die Rückmeldungen positiv, wenngleich nicht jeder durch das Praktikum seinen Traumberuf findet. Überdies wären mehrere Praktika noch hilfreicher, um vergleichen und Erfahrungen in verschiedenen Betätigungsfeldern machen zu können. Dies bestätigen auch die Aussagen einiger Gesamtschüler, die zwei Praktika durchlaufen haben. In der Regel ist man sich in der elften Klasse noch nicht völlig sicher, was man später beruflich machen möchte und schließlich ist das Praktikum zum "Reinschnuppern" und Ausprobieren da.