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Stolz darauf, eine Bauerntochter zu sein

Ein Landwirtskind lernt viel über die Natur - Eltern sind immer auf dem Hof erreichbar

Lüdenscheid. Für viele Leute ist es heute am Sonntagnachmittag ein Vergnügen aufs Land zu fahren. Bauernhofcafés und Märkte laden dazu ein. Der Einkauf im Hofladen ist ein Muss. Es gibt kaum eine Wochenendausgabe der Zeitung, in der nicht eine Auswahl von Aktivitäten und ländlichen Ausflugszielen angepriesen wird.  

Ich bin 14 Jahre und lebe auf dem Land - auf einem Bauernhof. Ich bin eine Bauerntochter.

Ist das ein Privileg oder ein Nachteil in meinem Leben? Dieses Thema stellte sich die ersten 10 Jahre meines Lebens nicht. Meine Eltern waren zu Hause.

Jeden Morgen gemeinsames Frühstück. Aufwachsen mit vielen Tieren wie Kühen, Kälbchen, Hunden und Katzen. Ich konnte Hundebabys, kleine Katzen, Meerschweinchenkinder und Kaninchen umsorgen.

Mit 5 Jahren bekam ich zwei Ponys. Einige Freunde beneideten mich. Die Spielkameraden wohnten um die Ecke, und es gibt keinen besseren Spielplatz als einen Bauernhof. Kein Straßenverkehr, keine Ampeln, keine Zebrastreifen, keine Raser weit und breit. Man kann jederzeit draußen spielen.

Als Landwirtskind lernt man viel über die Natur und den Kreislauf der Jahreszeiten. Ebenso lernt man, dass auch das Leben ein Kreislauf ist. Es werden Tiere geboren und es kommt vor, dass eines stirbt. Dinge wie Urlaub, Schwimmen, Kino haben meine Eltern immer möglich gemacht.

Bis zu dem Wechsel auf eine weiterführende Schule in der Stadt hat das Landleben für mich sicher nur Vorteile gehabt. Ein Nachteil machte sich dann schnell bemerkbar - die lange Fahrzeit mit dem Bus. Trotz Schulschluss um 13.10 Uhr bin ich erst um 14.25 Uhr zu Hause, nach der 7. Stunde fährt kein Bus mehr und das „Mama-Taxi” kommt zum Einsatz. Wenn dieses Taxi gut funktioniert, halten sich die fahrtechnischen Probleme in Grenzen. Aber auch nur dann!

Vor dem Schulwechsel bekam ich den gut gemeinten Ratschlag von Bekannten: „Erzähle nicht sofort, dass du vom Bauernhof kommst. Viele Leute haben doch noch Vorurteile. Du willst doch nicht, dass deine Mitschüler sagen, dass du nach Stall riechst.” Für mich war dieses Thema allerdings schon nach 2 Minuten erledigt. Die Englischlehrerin fragte, wer die meisten Tiere hätte. Das war ich. Meine Klassenkameraden reagierten alle interessiert und positiv. Niemand hat mich je Bauerntrampel genannt oder Witze auf meine Kosten gemacht.

Meine Mutter erzählte mir, dass das vor 30 Jahren noch anders war. Als sie einen lateinischen Satz nicht übersetzen konnte, sagte der Lehrer zu ihr : „Das kann doch sogar der dümmste Bauer.” Meine Mutter verließ den Unterricht. Sie ist auch eine Bauerntochter.

Ein Vorteil ist die ständige Erreichbarkeit meiner Eltern. Egal ob es ein Problem, eine Frage oder eine „Taxifahrt” gibt, sie sind fast immer in der Nähe erreichbar. Manche Kinder wissen gar nicht, was ihre Eltern am Arbeitsplatz machen.

Obwohl ich stolz bin, eine Bauerntochter zu sein, ist diese Berufsgruppe immer noch mit Vorurteilen belastet. Fernsehsendungen wie „Bauer sucht Frau” dienen nicht dazu, das Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit positiv darzustellen. Die jungen Landwirte von heute haben nicht alle rote Gesichter, grüne Klamotten und Gummistiefel an. Sie unterscheiden sich nicht von Gleichaltrigen anderer Berufsgruppen und sind deshalb auch nicht Single. Landleben - Stadtleben, alles eine Sache des Geschmacks und der Anschauung. Manche mögen die Stadt als Wohnort, andere das Land. Beides hat sicher Vor- und Nachteile, man muss nur das Beste daraus machen.