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Rede zum Abitur 2008

von Frau OStD' Antje Malycha, Geschwister-Scholl-Gymnasium

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Verwandte und Freunde.
Gemeinsam mit Herrn Dr. Werth darf ich Sie heute Abend herzlich willkommen heißen, um mit Ihnen den Abschluss einer erfolgreichen neunjährigen oder – im Einzelfall – erfolgreichen längeren Schulzeit am Zeppelin- und am Geschwister-Scholl-Gymnasium zu feiern.


1. Abicetamol – hat der Schmerz wirklich ein Ende?
Schmerzfreiheit kann vermutlich bestenfalls körperlich erreicht werden, nicht aber seelisch. Eigentlich gibt es ja keinen schmerzfreien Zustand, da der Schmerz immer etwas mit unserem Bewusstsein zu tun hat. Bewusstsein und Schmerz hängen also eng zusammen. Stoppe ich den Schmerz mit Paracetamol, kann mein Bewusstsein ihn dennoch weiter empfinden. Wenn der  Zustand der Schmerzfreiheit nur eine Bedingung und kein Ziel ist, stellt sich die Frage, Bedingung wofür?

2. Unser einziges Sinnen und Trachten, so sagt man, sei das Glück, sei es nun in Form von Schmerzfreiheit, wie es Ihr Abimotto nahelegt, in Form eines erfüllten Lebens oder als Aufrechterhaltung eines stabilen Gemeinwohls. Schauen wir auf die letzten Tage, so lässt sich sicher sagen: Ein Abi ohne dieses bestimmte Glücksgefühl, ein körperlicher Freudentaumel ohne Jubel und die Gewissheit, die Welt aus den Angeln gehoben zu haben, sind ganz unvorstellbar. Wie ein Fußballspiel mit eingebauten Handbremsen. 
Obwohl mir natürlich bewusst ist, dass die Suche nach Glück eine der Hauptursachen für Unglück ist, lade ich Sie ein, sich für ein paar Minuten auf die Reise zum Glück zu begeben. Lassen Sie sich ein auf dieses schillernde, sich fortwährend anbietende und zugleich entziehende Energiefeld.

  • Benötigen wir Geld für unsere Reise zum Glück? Vielleicht sogar das Geld, das glücklich macht? Wir alle wissen natürlich, dass man sich das Glück nicht kaufen kann, obwohl Ihnen Geld durchaus dabei hilft, das Glück an sehr viel mehr Plätzen zu suchen. Für unsere Reise benötigen wir kein Geld.

  • Benötigen wir kleine Stimmungsaufheller, wenn Schwüle, Stau und Streitigkeiten eine vorübergehende Reiseunterbrechung erzwingen? Eher nicht, wir wollen einen klaren Kopf behalten, da das Reiseziel noch zu ungewiss ist, sich selbst dem Navigationsgerät entzieht. Lassen wir die Stimmungsaufheller also beiseite, auch wenn sie üblicherweise Stimmungskracher mit Endorphingarantie sind. Solche künstlich herbeigeführten Glücksgefühle finden ihre materielle Gestalt übrigens sehr anschaulich in der Glückspille Soma, die Aldous Huxlex in seinem Zukunftsroman Brave New World als Mittel gegen alle Unbill erfunden hat. Soma wird in beliebig großer Dosis eingenommen. Sie schlafen augenblicklich ein, sind von sämtlichen Sorgen befreit sind und erleben einen überbordernden Glücksrausch, der Sie noch nach dem Aufwachen auf Watte polstert. Da wir aber noch einen echten glücklichen Abend verleben möchten, lassen wir auch dieses Hilfsmittel außer acht.

3. Unsere erste Station ist die derzeitige Glückhysterie. Jeder von uns kennt die aufdringlichen Begegnungen mit dem Glück an einsamen Stränden, die aus hochglanzpolierten Urlaubskatalogen oder Wellness-Versprechungen auf uns prasseln. Fernsehen und Internet sind voll mit virtuellen Orten, an denen positive Gefühle in Szene gesetzt werden. Im Trend liegen derzeit die auch Regeln des Glücks des Dalai Lama. In unzähligen Schriften, Reden und Talkshow-Auftritten werden die Lehren des tibetischen Buddhismus als spiritueller Schlüssel zum Glück verbreitet. Es ist schwer, sich diesen Lehren zu entziehen, stellen Sie doch in ganz wunderbarer Weise ein Gegengewicht zu den ichbezogenen Glückswerten der modernen westlichen Welt dar. Schriften über Werte wie Mitgefühl, Respekt und Hilfsbereitschaft  sind ein Verkaufsschlager und erfreuen sich einer  großen Anhängerschaft. Offensichtlich ist es schwer, sich den Fängen der Glückshysterie zu entziehen. Dennoch geht es weiter:

Als nächstes Ziel erscheint das Zufallsglück im Sinne der glücklichen Fügung am Horizont. Unverhofft kommt oft, so heißt es, doch sollten wir darauf nicht spekulieren und weiterreisen, uns aber offen halten für solche überraschenden Zuwendungen an Glück. Wilhelm Schmid, ein deutscher Philosoph, schreibt in seinem jüngsten Büchlein über das Glück, dass gerade unsere Offenheit das günstige Zufallsglück beflügelt. Wenn Sie allerdings fortwährend sagen, „Es passt gerade nicht“, sind viele Chancen bereits vorbei. Leider haben wir kein Abonnement auf das flüchtige Zufallsglück, bleiben aber offen und reisen weiter.

Vielleicht sollten wir nun Station beim Wohlfühlglück machen, das uns verspricht, dass es uns gut geht, dass wir gesund sind, uns wohl fühlen, Spaß haben, angenehme Erfahrungen machen, uns also in einer guten Stimmung befinden. Diese bonheur und happiness erfuhren übrigens bereits im 18. Jahrhundert große Zustimmung und wurden ausführlich diskutiert. In der amerikanischen Verfassung von 1776 heißt es ganz zu Beginn, dass jeder Mensch ein unveräußerliches Recht auf das Streben nach Glück habe. Das Wohlfühlglück hat nur ein Problem: es ist ebenso schnell vergänglich. Es erscheint als eine flüchtige hormonelle Veränderung, die im Falle einer Liebesbeziehung angeblich nur maximal drei Monate anhalten soll. Im Falle eines schönen Films, einer unerwartet guten Tasse Kaffee, eines stimmungsvollen Glas Wein, eines guten Bildes verabschiedet sich das Wohlfühlglück noch viel schneller. Wir kennen es vermutlich alle: ein tolles Wochenende, ein unbeschwerter Urlaub, ohne Ende glücklich, und am Montag? Gereizt, angespannt, kein Schimmer von Glück weit und breit. Diese Art von Lust hilft uns nicht dabei, den Alltag wieder zu gestalten, vielmehr sind eher der Leidensdruck, der Misserfolg, die Fehler, die uns nach einer Lösung suchen lassen und hilfreich für unseren Alltag sind.

Ähnlich verhält es sich mit dem Glück der Fülle. Es ist maßlos, anstrengend und langweilig zugleich, es bietet keine Herausforderungen, sondern zwingt sich uns auf. Es hat rein gar nichts zu tun  mit den inneren Ressourcen des Fühlens und Denkens, es ist ebenfalls vergänglich, episodisch, wie Schmidt sagt.

Komme ich zur letzten Station der Reise nach dem Glück, zu Ihnen:

4. In Ihrer Schulzeit haben Sie gelernt, hartnäckig zu bleiben. Was noch wichtiger ist, Sie haben es zunehmend gelernt, sich bei Misserfolgen mit Ihren selbst verschuldeten Anteilen ehrlich und aufrichtig auseinanderzusetzen. Bedeutsamer noch, Sie haben in schier aussichtlosen Phasen Unterstützung und Sympathie von Ihren Mitschülern erfahren und auch selbst anderen diese Hilfsbereitschaft entgegengebracht. Gerade in Ihrem Jahrgang ist dieser Zusammenhalt sehr stark. Ihre mentale Stärke besteht zu Großteilen aus vier Komponenten: hartnäckige Zielstrebigkeit, Auseinandersetzung mit Misserfolgen, Unterstützung für andere, aufrichtiges Denken und Handeln  Aber reicht das zum Glücklichsein? Fragt man sich übrigens, ob man glücklich ist, lässt das Glück augenblicklich nach.

5. Halten wir fest:

Andauerndes Glück sind nicht durch das gute Bankkonto, den gute Koch und die gute Verdauung zu erzwingen. Es besteht auch nicht in der Sehnsucht an eine glücklichere Zeit – Schulzeit, dies bereitet eher großen Kummer, weil diese Zeit so unwiderruflich vorbei ist.
Die Tür zum Glück geht nach außen auf (Sören Kierkegaard). Wollen Sie sich selbst verwirklichen, sich aus dem Ungleichgewicht zwischen Schmerz über erfahrenes Unrecht, Furcht vor möglichen Zukunftsentscheidungen oder Unzufriedenheit über den gegenwärtigen Zustand befreien, so gelingt dies paradoxerweise am ehesten über die Öffnung für andere und die Bindung an eine Sache. Die durch solche Zuwendung erfahrenen seelischen Kräfte der Hilfsbereitschaft, des Verständnisses, der Bescheidenheit und der Unterstützung besitzen eine erheblich stabilisierende, durchaus auch euphorisierende Wirkung. M.E. sind es diese Bindung an andere Menschen und an ein Ziel, die in uns das Vertrauen freisetzen, dass wir etwas Gutes zu tun im Stande sind und auch tun wollen. Wenn wir allerdings nicht bereit sind, etwas Gutes für andere zu tun, dann sollten wir anderen zumindest nicht schaden wollen. Das macht zwar weniger glücklich, ist aber auch nicht krankmachend.
Abschließend möchte ich das Gesagte mit dem Bild eines Baumes vergleichen, dem Wasser und Licht zur Verfügung stehen, der aber dennoch eingehen wird, weil er von zunehmend mehr Schlingpflanzen an seiner Entfaltung gehindert wird. Wir Menschen können ganz hervorragende Schlingpflanzen für andere sein und sie am Wachstum hindern. Misstrauen, Betrug, Unterdrückung, gnadenloser Wettbewerb, Einschüchterung u.v.m. sind solche Schlingpflanzen, die das Glück der anderen zerstören und bedauerlicherweise auch das eigene seelische Wohlergehen bereits im Keim ersticken.
In Ihrer Schulzeit haben Ihre Lehrerinnen und Lehrer und Sie oft bewiesen, dass es keine Alternative zu Mitgefühl, Verständnis und Respekt gibt. Dies hat Sie eine überwiegend glückliche Schulzeit am Staberg verleben lassen – wie ja sehr liebevoll in der Abiturzeitung bei den Wünschen für die anderen Mitschülerinnen und Mitschüler deutlich wird.
Später wird es Ihnen vermutlich schwerer fallen, so offen und positiv auf andere Menschen zuzugehen. Vielleicht werden negative Gedanken überwiegen und aus unfairem Vergleich mit anderen werden sich Missgunst, Frustration und Neid wie Schlingpflanzen  vermehren. Sie werden unglücklich.
Wollen Sie wirklich glücklich bleiben, bieten Sie gerade den Menschen, die Ihnen am meisten zu schaffen machen, ein inneres Gästezimmer an. Sie werden sich wundern, wie schnell die Gastgeberrolle Sie mit Verständnis statt mit Ablehnung füllt, ja Ihnen sogar eine entspannte Sichtweise ermöglicht.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen auch Zeit für das Unglücksichsein, für das Innehalten. Ihnen und Ihren Familien, die Ihnen so viel Unterstützung haben zukommen lassen, eine erfüllte und selbstbestimmte Zukunft.