Zurück

Certamen Ciceronianum Arpinas 2009

von Sebastian Schriml, Jgst. 12

Vom 15. bis zum 17. Mai 2009 fand in der kleinen Stadt Arpino im Süden Italiens die 29. Ausgabe des Certamen Ciceronianum Arpinas statt. Hierbei handelt es sich um einen Lateinwettbewerb (lat. certamen – „Wettkampf, Wettstreit“), an dem jährlich hunderte Lateinschülerinnen und -schüler aus ganz Europa teilnehmen.

Die Stadt Arpino genießt den besonderen Status, Geburtsort des berühmten römischen Autors, Redners und Staatsmannes Marcus Tullius Cicero zu sein. Zu dessen Ehren und Gedenken richtet sie alljährlich diesen Lateinwettbewerb aus, bei dem eine Passage aus seinem – sehr umfangreichen – Werk zu übersetzen und zu interpretieren ist. Einen ganzen Vormittag bearbeiten alle Teilnehmer gleichzeitig denselben Text; für eine erfolgreiche Teilnahme wird innerhalb der fünfstündigen Bearbeitungszeit eine fehlerfreie Übersetzung und die Einordnung der Quelle in den Kontext der Vita Ciceros verlangt.

Meine Teilnahme an diesem großen Wettkampf geht nun auf das in Aachen beheimatete Certamen Carolinum zurück, in dessen Endrunde ich die Fahrt zu dem europäischen Wettbewerb gewann. Gemeinsam mit drei anderen Teilnehmern flog ich zunächst nach Rom, wo wir die knappe Zeit zur Besichtigung ausgewählter Sehenswürdigkeiten verwendeten. Mein besonderer Dank geht hier an unsere Begleitlehrerin Frau Wiecha, die uns als Romkennerin auf ihren Führungen mit wertvollen Erklärungen zur Seite stand. Für mich war es der erste Besuch dieser an Kultur und Geschichte unschätzbar reichen Stadt, die mich vom ersten Augenblick in ihren Bann zog.

War bereits diese Erfahrung eine besondere Bereicherung für einen – inzwischen ehemaligen – Schüler der lateinischen Sprache, der sich mit einem Mal in das Zentrum der lateinischsprachigen Antike versetzt sah, so sollte sich der eigentliche Wettbewerb gleichsam als die Krönung des Lateinlernens erweisen.

Über das Wochenende, das unter unseren Erkundungen der „ewigen Stadt“ allzu bald herankam, fuhren wir gen Arpino. Bereits am Ortseingang begrüßte uns die Stadt mit Bannern in lateinischer Sprache (Arpinum Ciceronis Patria Vos Omnes Salvere Iubet – die Übersetzung wird dem kundigen Leser als Übung aufgegeben).

Die Lateinklausur an sich hat sich mir als ein wahrhaft unvergessliches Erlebnis eingeprägt: In den großen Klassenräumen des ehrwürdigen Tulliano, der Schule im Stadtzentrum von Arpino, schrieben wir fünf Stunden lang in größter Konzentration und Vertiefung in den Quelltext. Wer mit der Tätigkeit des Übersetzens vertraut ist und es selbst einmal betrieben hat, der weiß um die Stimmung in jenen Klausuren, in denen eifrig in dickleibigen Wörterbüchern geblättert wird und, bei gebannter Spannung, das Kritzeln der Stifte und das Rascheln der Blätter die lautesten Geräusche sind. Und welches Ambiente könnte für diese Tätigkeit passender sein als die von der glühenden italienischen Sonne aufgeheizten Klassenräume jener altehrwürdigen Schule im Geburtsorte Ciceros?

Es fällt nicht leicht, die Leidenschaftlichkeit zu beschreiben, mit der man eine bestimmte Sache, wie eben etwa das Lateinische, betreiben kann. Wenn es aber gälte, einen Ort und eine Begebenheit zu nennen, die den Geist dieser großartigen Sprache atmet, so würde ich auf Arpino und das Certamen Ciceronianum verweisen.
Der Abend vor der Preisverleihung stand im Zeichen einer Party auf der zentralen Piazza von Arpino, die sich in den warmen Abendstunden mit hunderten Teilnehmern füllte und sich alsbald in eine Open-Air-Disco mit ausgelassen feiernden Lateinern aus ganz Europa verwandelte.

Feierlich war am anderen Morgen auch die große Verleihung der Preise an derselben Stelle. Eingeleitet wurde die Zeremonie mit den Reden einiger Honoratioren. Sodann wurden die Preisträgerinnen und Preisträger auf einem freiliegenden Stück des Platzes zur Bühne geführt, das den originalen Boden aus Ciceros Zeiten freilegt.

Besonders hervorheben möchte ich den fünften Platz, den als bestplatzierter Deutscher Patrick Haughian aus unserer Gruppe belegte. Erstplatzierte wurde, wie das in der Wettbewerbsgeschichte häufig der Fall war, eine Italienerin.

Dieses ganze Wettbewerbsgeschehen war freilich von einem umfangreichen Besichtigungsprogramm eingerahmt, das uns in die Umgegend von Arpino, unter anderem auch in die Klöster Montecassino und Casamari führte. In ersterem, das übrigens eine Woche darauf auch von Papst Benedikt XVI. besucht werden sollte, wurden wir vom Abt Pietro Vittorelli mit einer lateinischen Begrüßungsrede empfangen.

Unmittelbar nach der Preisverleihung traten wir, mit einer weiteren Übernachtung in Rom als Zwischenstopp, die Rückreise nach Deutschland an.

Was kann ich nun hinsichtlich dieser bewegten Woche resümieren? Ich bin mit großartigen Impressionen aus Rom und mit der Erfahrung der wohl größten Lateinklausur meines Lebens nach Hause zurückgekehrt. Es ist mir, wie ich immer gehofft hatte, durch das Wettbewerbsgeschehen gelungen, dem Lateinischen ein Jahr über den Erwerb meines Latinums hinaus aktiv verbunden zu bleiben und die Freude an dieser Sprache und ihrer Geschichte währt über allen Unterricht hinaus. Und nicht zuletzt bleibt mir die lebendige Erinnerung an meine Mitstreiter, die engagierten Organisatoren (auf deutscher wie italienischer Seite) und alle jene, mit denen ich das unvergleichliche Erlebnis dieser Tage teile.

Mein Dank geht an alle, die mich auf dem Weg zu dieser wunderbaren Chance begleitet und unterstützt haben.