Zurück

Leben in die Akten gebracht

Buchautor und Journalist Robert Domes liest im Scholl aus 'Nebel im August'

Foto: LN

LN v. 18.11.08 - Die Floskel vertrug sich nicht mit dem, was Robert Domes eine Stunde lang vorgetragen und -gelesen hatte: "eine schöne Geschichte". Und konsequent ruderte der Buchautor und Journalist zurück: "eine interessante und spannende Geschichte". Das empfanden wohl auch die Schüler der zehnten Klassen des Scholl-Gymnasiums so, denen Robert Domes gestern aus seinem Buch "Nebel im August" vorlas, denn zwischenzeitlich hätte man das Fallen der sprichwörtlichen Stecknadel hören können.

Nein, eine schöne Geschichte war diese nicht, auch wenn sie packend und bewegend vorgetragen wurde. Denn "Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa", so der Untertitel dauerte nur knapp 15 Jahre. Dann ermordete ihn das medizinische Personal in einem Irrenhaus in Irsee bie Kaufbeuren als "lebensunwertes Leben". "Denn" - als ob das eine Begründung wäre - Ernst Lossa war ein "Jenischer", ein "Zigeuner", und wurde darüber hinaus als "schwer erziehbarer Psychopath" diffamiert. "Dem fehlte überhaupt nichts. Außer Geborgenheit, würde ich mal sagen", beschrieb Robert Domes das Besondere an diesem Fall, der schon die 1945 einrückenden Amerikaner interessierte. In der Nachkriegszeit gab es darüber hinaus einen Prozess gegen die Verantwortlichen für diesen Mord.

Gut dokumentiert sei der Fall, erklärte Domes, den ein Klinikleiter auf die Geschichte aufmerksam machte. Fünf Jahre recherchierte der Autor, und am Ende dieses Prozesses stand ein Buch, das die Lebensgeschichte des Ernst Lossa so erzählt, als wäre der Autor dabeigewesen. Mit der Formel "Alles ist so gewesen, aber nichts war genau so", brachte Domes das Spannungsverhältnis zwischen dokumentierter Realität und seiner Geschichte vielsagend auf den Punkt.

"Warum haben Sie sich dieses NS-Thema ausgesucht?", fragte ein Schüler. Er selbst habe zunächst nicht gewollt, hatte Domes am Anfang der Lesung zugegeben. Erst das Bild des Opfers habe ihn dazu veranlasst, das Projekt in Angriff zu nehmen. So als hätten ihn diese eindringlichen, munteren Augen aufgefordert, diesem Nazi-Opfer ein Denkmal zu setzen. Zunächst habe es nur Akten gegeben, nicht ein so sprechendes Lebensdokument wie das Tagebuch der Anne Frank. "Mir fehlte das Leben in dieser trockenen Aktengeschichte", begründete Domes seine literarische Umsetzung von Ernst Lossas Lebensgeschichte.

Und die hat es in sich: Schon die Szene, in der Ernst und seine Geschwister von ihrer Familie getrennt werden, erzählt von schmerzhafter Brutalität. Vollends die Szenen im Waisenhaus, NS-Erziehungslager und "Irrenhaus", in dem der Tod fortwährend präsent ist. "Wenn man mal auf der Spur ist, Menschen umzubringen, dann kann grundsätzlich jeder umgebracht werden", erklärte Domes seinem jungen Publikum die unbegreifbare Roheit der Täter. Die Diskussion im Buch, in der einer der jüngeren Ärzte leider nur anfänglich Widerstand gegen das Töten im Dienst äußert, war einer der beklemmensten Abschnitte der ganzen Lesung.

Möglich, dass die Geschichte in absehbarer Zeit auch verfilmt wird: Eine Filmgesellschaft habe sich eine entsprechende Option gesichert, berichtete Domes am Ende der Lesung (Foto: LN).

Robert Domes: Nebel im August, München 2008, ISBN: 978-3-570-30475-4