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Mahnung vor dem Rassenwahn

Theateraufführung des Literaturkurses der Jgst. 12                                Fotoalbum

WR v. 08.07.10 -„Ich bin nicht schuld, dass es so gekommen ist!“ Mit Nachdruck weisen Wirt, Geselle und Soldat - (fast) ganz Andorra - die Schuld am Tod des vermeintlichen Juden Andri von sich. Vorurteile?

Die gestehen die Biedermänner in Max Frischs aufrüttelndem 60er Jahre Stück „Andorra“, am Mittwochnachmittag in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in einer Fassung des Literaturkurses der Jahrgangsstufe 12 zu sehen, ein. Aber Schuld? Nie und nimmer. Konnt’ ja keiner wissen, dass der Jud’ kein Jude war. Mit vermeintlich „weißer Weste“ treten die Andorraner in den Zeugenstand.

Intensiv und hoch emotional setzten die Zwölftklässler, die sich unter Leitung von Daria Dusil seit Januar mit dem Frisch-Stück auseinandersetzen, am Mittwoch das Thema Antisemitismus in spannenden Bildern um. Dominik Hinz verkörperte in der gekürzten Fassung des Schauspiels den Nichtjuden Andri.

Wie ein Film im Kopf

Wie ein Film rollten in den Köpfen die Klischeevorstellungen ab. Selbst Andri, mehr und mehr in die Enge getrieben, fühlte sich „jüdisch“, mit allem Negativem, was ihm die Allgemeinheit unterschob. Einen zutiefst erschreckenden Mechanismus deckten die jungen Akteure auf. Vor selbst gebauten Kulissen, die ein symbolhaft weißes Andorra (fiktiver Kleinstaat) zeigten, schickten sie Frischs Mahnung vor Rassenwahn und Fremdenhass auf den Weg. Pfahl und Galgen verwiesen von Anbeginn an auf das unfassbare, grausige Ende des Stücks. Nail Günes konnte als Lehrer das Unheilnicht mehr aufhalten. Als er sich zu Andri, seinem leiblichen Sohn bekannte, war es zu spät. Barblin (Katharina Michalenko), seine Tochter, verlor den Verstand. Als düstere Bedrohung stand der Schatten einer möglichen Invasion durch die „Schwarzen“, zu denen auch Andris Mutter gehörte, im Hintergrund. Ihr Tod löste die Invasion des antisemitischen Nachbarstaates aus.

 

Tragisch, aber nicht zu ändern

Literaturkurs des Scholl-Gymnasiums zeigt 'Andorra'. Seit Januar geprobt.                            

LN v. 09.07.10 - "Ich bin nicht Schuld", sagte der Wirt. "Ich hab ihn nicht getötet. Ich hab nur meinen Dienst getan", sagte der Soldat. Überhaupt war keiner Schuld an dem Mord an Andri, dem Juden. Der Selbstmord seines Vaters, seine durch die Ereignisse in den Wahnsinn getriebenen, schwer traumatisierte Schwester Barblin, tragisch, aber nicht zu ändern.

In der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums brachte der Literaturkurs der Jahrgangsstufe 12 das erschütternde Stück "Andorra" von Max Frisch zur Aufführung. Es ist das Drama eines beständigen Vorurteils gegen Juden in zwölf Bildern. Dabei steht Andorra nicht für einen Kleinstaat, sondern ist Modell des antisemitischen Wahns als Prozess einer Bewusstseinsveränderung in der Gesellschaft. Abgehandelt in der Figur des jungen Andri, gespielt von Dominik Hinz, wird dieser von seiner Umwelt so lange zum Anderssein gezwungen, bis er dies als sein Schicksal annimmt.

Dabei beeindruckten die Schüler mit ihrer sehenswerten und überzeugenden Interpretation ihr Publikum in der leider nur mäßig besetzten Aula. Das Stück begann mit einem Dialog zwischen einem jungen Soldaten, gespielt von Maximilian Schulte, und Barblin (Katharina Michalenko), die eine Wand weißelte und in dem zu Beginn schon deutlich wurde, dass Andri für Barblin mehr ist als ein Bruder und der Soldat mehr von ihr wollte, als sie zu geben bereit war. In szenisch gut ausgespielten Handlungen wurden die Geschichte sowie die Charaktere der Hauptfiguren von den Schülern überzeugend entfaltet. Da war der Priester (Tobias Kalb), der am Ende als einziger ein Stück Schuld anzuerkennen bereit ist, da war Barblins Mutter (Jasmin Heckel), die vergeblich versuchte, die Familien in den Zerreißproben um die Ablehnung Andris durch die Andorraner und die Lebenslügen des Vaters, zusammen zu halten. Und da war der Wirt, der in seinen Denkstrukturen und seinem völlig falschen Verständnis von richtig und falsch überzeugend von Nina Kleinfeld herausgearbeitet wurde. Doch auch dem Arzt (Maximilian Klocke) fehlte jedes Format, tiefer zu blicken, und er stand in seinen platten Vorurteilen der restlichen Bevölkerung in nichts nach. Tragisch nur, dass Andri, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellte, gar kein von der Familie aufgenommenes jüdisches Kind war, sondern das eigene des Vaters, der mit dieser selbst in die Welt gesetzten Lebenslüge versuchte, seine Liebschaft zu verdecken.

Unter der Leitung von Lehrerin Daria Dusil hatte der Kurs seit Januar hierfür geprobt. Dankesworte und Blumen gab es deshalb für sie von Schulleiterin Antje Malycha, die auch mit Lob für die 22 mitwirkenden Schüler nicht sparte: "Ihr habt die Rollen gelebt. Es war ein bewegender Abend". Diese durchaus überzeugende Aufführung hätte sicherlich eine voll besetzte Aula verdient.