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Abiturrede 2010

Rede der Schulleiterin Antje Malycha vom 18. Juni 2010 anlässlich der Verabschiedung der Abiturientia 2010

 
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Verwandte und Freunde.
Gemeinsam mit Herrn Dr. Werth darf ich Sie heute Abend herzlich willkommen heißen, um mit Ihnen den Abschluss einer erfolgreichen neunjährigen oder – im Einzelfall längeren – erfolgreichen Schulzeit am Zeppelin-Gymnasium und am Geschwister-Scholl-Gymnasium zu feiern.

Der Politik überdrüssig zu sein, ist heute an der Tagesordnung. In Nordrhein-Westfalen hat jeder zweite Wahlberechtigte nicht gewählt und damit auf ein Grundrecht, nämlich auf das Wahlrecht verzichtet. 

Viele von Ihnen haben in den letzten Jahren das Vertrauen in die Politik verloren,

  • weil einige Verantwortliche unsere Erwartungen hochschrauben, um danach ihre hochtrabenden Versprechen nicht einzuhalten: Steuersenkungen kamen Hotels zugute, während die Kommunen Schwimmbäder und Theater und Bibliotheken schließen und manch ein Autofahrer beim Überfahren der Schlaglöcher nicht nur wehmütig an seine Stoßdämpfer und Federn denkt, sondern voller Zorn nach Griechenland schaut oder sich die DM zurückwünscht.
  • weil sich einige Verantwortliche wie Kesselflicker bekriegen anstatt uns ein Vorbild zu sein, wie man die Probleme der Gegenwart und der Zukunft gemeinsam lösen kann.
  • weil einige Verantwortliche trotz aller moralischen Ansprüche keine Vorbilder mehr sind: Rücktritt eines Bundespräsidenten, der das Amt mit seiner Person gleichsetzt anstatt seine Person dem Amt unterzuordnen.
  • weil einige Verantwortliche den Eindruck erwecken, es ginge in der Politik letztendlich nur um Machtdenken und um die Sicherung persönlicher Ansprüche und nicht um die Ansprüche des Gemeinwohls.

Wen wundert es da, dass viele Menschen aufgrund der fehlenden Glaubwürdigkeit den Wahlen fern bleiben und es vorziehen, sich in einem verlässlicheren Umfeld einzusetzen, um dort ein Stück ihrer Ideale an Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft zu verwirklichen. Das kann zu Hause sein, im Verein, im Berufsleben, im Ehrenamt oder bei sozialen und kulturellen Einrichtungen.

Mir erscheint die Fragestellung reizvoll, ob es jenseits dieser Formen der Zivilgesellschaft eine Verpflichtung des Einzelnen zur Partizipation an den staatlich-politischen Einrichtungen gibt. Ist das politische Wesen in uns nur suspendiert, ist es überflüssig geworden?

Es scheint, als haben wir uns tatsächlich von einer Verpflichtung zum politischen Denken verabschiedet, so, als sei das politische Denken nicht Teil unserer Natur, als gehöre es nicht organisch zu unserem Sein. Als sei es ein Fremdkörper, dem wir besser aus dem Weg gehen.

Sie werden mit mir einig sein, dass wir nur frei in einer Umwelt leben, die wir selbst gestalten und an der wir einen bewussten Anteil haben.  Wir können nur selbstbestimmt leben, wenn wir unsere Umwelt nach unserer eigenen Einsicht aktiv mitgestalten und nach unseren Bedürfnissen verändern. Dabei sind wir durchaus nicht allein von selbstsüchtigen Motiven geleitet, sondern sehr wohl in der Lage, unsere  Umweltbedingungen und die Interessen unserer  Mitmenschen zu erkennen und als gegenseitige Verpflichtungen anzuerkennen. Ist es nicht das erste Gebot der Klugheit, aufeinander Rücksicht zu nehmen und Kompromisse zu schließen?

Wenn wir also frei und selbstbestimmt leben möchten, verändern wir unsere Umwelt gemäß unseren Bedürfnissen. Dies ist in dieser radikalen Form aber nur möglich, solange wir nicht die Rechte anderer beeinträchtigen. Um mit diesen nicht fortwährend in Konflikt  zu geraten,  wählen wir Repräsentanten, die unsere Bedürfnisse in dem komplexen Gefüge unserer Gesellschaft gegen andere vertreten und zum Wohle der Gemeinschaft die beste Lösung durchsetzen.

Diese Form der Form der Interessenvertretung durch gewählte Repräsentanten setzt eins voraus: Kooperation. Kooperation ist heute wichtiger als je zuvor, denken Sie nur an die großen Herausforderungen der globalen Finanzkrise, an die Herausforderungen einer sich erwärmenden Welt oder an die Bedrohungen durch fundamentalistische Regime. Und da nicht alle 8 Milliarden Menschen individuell real miteinander zusammenarbeiten können, auch wenn dies im Internet virtuell möglich ist, sind wir heute zu neuen Formen der Zusammenarbeit gezwungen, zu nationalen und internationalen Steuerungsinstanzen, in der sich die Interessen der Individuen mit denen der Weltgemeinschaft vermitteln lassen. Unsere Umwelt ist schon lange nicht mehr regional oder national organisierbar, sie ist zwingend eingebunden in eine globale Kommunikation und Umwelt.

Die eigentlich politische Aufgabe besteht nun in der Bewältigung der Probleme, die sich aus der Organisation des Zusammenlebens aller Menschen ergibt. Unser Verfassungsstaat ist in der Geschichte der Menschen einmalig. Er garantiert zum ersten Mal die Rechte aller Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben. Was jahrtausendelang dem Einzelnen verweigert wurde und in vielen Unrechtstaaten noch heute verweigert wird, ist für Sie als selbstbestimmte Individuen zum einklagbaren Recht geworden. Wie viel anders ist es in Südafrika, wo erst vor wenigen Jahren eine der menschenverachtendsten Tyranneien ein Ende gefunden hat – die Rassenverachtung aber noch weiter in vielen Köpfen spukt? Oder in Afghanistan, wo die Taliban jede Form der individuellen Selbstbestimmung vernichten, oder in anderen Unrechtstaaten, in denen kriminelle Machteliten alles tun, um das Recht des Einzelnen auszuschalten?

Solange Sie sich aber mit dem politischen Ideal der Selbstbestimmung identifizieren und Freiheit und Gleichheit für alle Menschen anstreben, können Sie dies nur auf dem Boden einer auf das Menschenrecht verpflichteten Verfassung tun. Nur hier sind unsere Grundrechte gesichert und werden geschützt. Kämpfen wir individuell um unser Recht, tut dies die verfassungsrechtlich geschützte Politik im globalen Sinne. Das eine ist ein individuelles Wollen, das andere ein geschütztes einklagbares Recht.

Auch wenn Politiker derzeit die unbeliebteste Berufsgruppe sind, brauchen wir sie als gewählte Repräsentanten unserer politischen Vorstellungen. Sie sprechen und stimmen ab, beschaffen Mehrheiten, setzen Reformen durch, richten Ämter ein, kontrollieren, setzen ab oder treten freiwillig zurück und werden bei all dem segensreicherweise durch unsere Verfassung kontrolliert.

Das Ausmaß der Verachtung, mit dem wir Politikern begegnen, hat natürlich auch damit zu tun, dass unsere Medien die Schwächen der Politiker schonungs- und erbarmungslos aufdecken und kommentieren. Man kann das bedauern, man kann dies aber als auch ein Indiz für die funktionierende öffentliche Kontrolle, der Politiker unterliegen, ansehen, oder sich fragen, ob wir nicht tatsächlich mehr  vorbildliches Handeln verlangen dürfen.

Auf der einen Seite erleben wir heute einen radikalen Individualismus, der davon überzeugt ist,

  • dass der Einzelne alleine zurecht kommt,
  • dass niemand das Recht hat, den Einzelnen an der Verfolgung seiner Eigeninteresses zu hindern und
  • dass das eigene Glück der höchste moralische Zweck des Lebens ist.

Das jüngste Beispiel ist eine neue Bewegung in den USA - Tea Party -, die alles ablehnt, was mit Staat, Establishment und Institutionen zu tun hat.

Diese Bewegung ist eine konfuse Masse aus Individuen, die nur eins eint: in blinder Wut alles zerstören zu wollen, was ihnen vom Staat abverlangt wird – z.B. Steuern, Krankenversicherungen und jede Form von staatlichen Abgaben. Ich halte solche von Emotionen wie Hass, Wut, Zorn, Bitterkeit, Neid für sehr gefährlich, denn sie sind nicht für rationales Denken empfänglich, auf dem Kompromisse wachsen und Kooperation möglich wird.

Auch scheint mir der Rückzug auf private Inseln gesellschaftsfremd zu sein, denn das heißt ja letztlich nichts anderes, als auf Dauer auf die ureigenste Verantwortung gegenüber sich und Anderen zu verzichten, gemeinsam eine menschenwürdige Welt aufrechtzuerhalten und zu verbessern.

Will ich etwas verändern, kann ich es nur im Respekt vor der Würde des Anderen tun, und das heißt nun einmal standhalten, rationale Gründe verhandeln, Kompromisse aushandeln. Und damit diese elementare Form der Selbstbestimmung möglich bleibt, brauchen wir den Schutz einer demokratischen Verfassung, in der jeder dieselben Rechte hat und Unrecht geahndet wird.

Wenn wir uns hingegen auf unser freiheitlich-demokratisch legitimiertes Recht auf Wahlverweigerung berufen, halte ich dagegen, dass die elementaren Bestandteile der ethischen Selbstbestimmung nicht nur die Freiheit, der Wille und die Fähigkeit, nach Gründen zu handeln sind. Zu dieser ethischen Selbstbestimmung gehört an erster Stelle die Verantwortung gegenüber sich und den Anderen für eine menschenwürdige Welt.  Die dabei gemachten Kompromisse sind das alles vermittelnde Element der Politik.

Abschließend möchte ich die eingangs gestellte Frage, ob das politische Wesen in uns nur suspendiert oder ob es überflüssig geworden ist, beantworten.
Ja, es ist der beste Teil in uns, der Teil, der Selbstbestimmung erst möglich macht. Ohne dieses poltische Wesen, das wie die Moral, der Verstand oder die Gefühle Teil unseres Selbst ist, wären wir handlungsunfähig und unfrei.
Selbstbestimmtes individuelles Handeln gelingt nur in der Teilhabe am politischen Handeln.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ein selbstbestimmtes Leben in einer von Ihnen aufrechtgehaltenen freiheitlichen Gesellschaft.