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Vom Belgier zum Lüdenscheider

Zeitzeugenbefragung der Arbeitsgemeinschaft 'Geschichtsforscher'

WR v. 18.11.2011 - Seit 1962 in der Bergstadt, ein Leben in der Kaserne fast wie zuhause, viele Freundschaften mit Lüdenscheidern geschlossen – es ist wirklich spannend, was der frühere belgische Soldat Willy Kaiser zu erzählen hat. Als Zeitzeugen haben ihn die Mädchen der Geschichtsforscher-AG vom Geschwister-Scholl-Gymnasium in die Schule eingeladen.

Lüdenscheid – „das war für uns hier kein fremder Planet“, erinnert sich der 69-jährige. Warum nicht? Jetzt wollen es die Forscherinnen aus der Klasse 7b natürlich ganz genau wissen. „Nun, wir hatten in der Kaserne alles, was wir in Belgien auch hatten“, erklärt Kaiser. „Samt Kantine mit belgischem Bier.“

Ankunft im Sauerland mit Militärbus

Beim Gespräch an der improvisierten Kaffeetafel auf zusammengeschobenen Schulbänken geht die Zeit im Nu vorbei. „Wie war die Beziehung zwischen Lüdenscheid und den belgischen Soldaten?“, fragt eine Schülerin aus der Runde. „Gut, sehr gut“, gibt Kaiser prompt zurück. Denn: „Die Lüdenscheider wussten, dass die belgischen Soldaten brav waren. Ich hatte keine Nachteile in Lüdenscheid, weil ich Belgier war.“

Nächste Frage: „Hatten Sie Angst?“ „Als junger Bursche von 18, 20 Jahren wollte man eher etwas erleben.“ Natürlich: Wenn es später tatsächlich zu einer Auseinandersetzung zwischen dem damaligen Warschauer Pakt und der NATO auf deutschem Boden gekommen wäre, hätten auch die Belgier in diesen Konflikt eingegriffen. Willy Kaiser: „Wir waren natürlich darauf trainiert, dass etwas kommen konnte.“

Kaiser erinnert sich noch gut an seine Ankunft am 3. Oktober 1962 per Militär-Bus im Sauerland, das ihm davor völlig unbekannt war. „Auf einmal sah ich ein Schild ,Brügge’ – und ich komme doch auch aus Brügge!“ Aber eben aus der gleichnamigen Stadt in Belgien. In seiner Heimat hatte Kaiser zuvor „anderthalb Jahre Militär-Ausbildung“ hinter sich gebracht.

Nur 5 Jahre weg aus dem Sauerland

Nur fünf Jahre, ab 1966, war Kaiser weg aus Lüdenscheid – beim belgischen Militär in Soest, Büren und Köln. Danach kam er zurück. Und blieb, als seine Garnison im Mai 1994 endgültig aufgelöst wurde – nach immerhin 48 Jahren Besatzung.

Ja, der große Abschied – auch daran kann sich Kaiser noch gut erinnern. An jenem Tag im Mai hat er wie alle Kameraden seine beste Uniform angezogen, erlebte mit ihnen auf dem Sternplatz den Abschied von den Bürgern. Anschließend ging’s „in Reih und Glied die Wilhelmstraße hoch“, zum Schützenplatz Loh. „Hier gab’s dann letzte Ansprachen mit dem damaligen Bürgermeister Jürgen Dietrich und unserem letzten Kommandeur Paul Bosmans“. Später wurden „unsere Leute Stück für Stück auf andere Garnisonen in Belgien und Deutschland verteilt“.

Aber: „Danach war’s für mich noch nicht zu Ende“, erzählt Kaiser weiter. Denn: Er, der letzte Zahlmeister der Garnison und sein Kommandeur – „wir haben damals das Licht ausgemacht“. In der Bachstraße, wo die letzten Wohnungen der Belgier und ein kleines Büro lagen.

Die Forscherinnen sind neugierig: Wie haben denn die Lüdenscheider das Ende wahrgenommen? „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, erinnert sich Kaiser. Auf jeden Fall seien „viele Freundschaften“ zwischen Besatzern und Bewohnern entstanden.

„Wir werden immer älter, die Gemeinschaft immer kleiner.“

Und die letzten Belgier in Lüdenscheid? „Wir werden immer älter, die Gemeinschaft immer kleiner“, weiß Kaiser. Und wirft mit den Schülerinnen einen Blick in die Statistik. 272 Belgier, darunter 154 Männer, lebten am 30. September 1994 noch in der Bergstadt.
30. September 2004: Rund 200 Belgier sind es noch, darunter 128 Männer. Und heute schätzt Kaiser die Zahl der Belgier-Militärs auf höchstens 50 bis 60. Viel größer dürfte dagegen die Gruppe in der nächsten Generation sein – die Kinder der Miltärs, die in Lüdenscheid groß geworden sind und Deutschland als ihre Heimat sehen.

Ein gutes Beispiel ist die Familie von Willy Kaiser selbst: Vier verheiratete Kinder haben er und seine Frau, die übrigens aus Norwegen stammt. „Ich habe sie in Lüdenscheid kennengelernt“, sagt Kaiser. Zwei Töchter haben damals die Belgische Schule der Kaserne besucht. Eine lebt heute in Nürnberg, die andere in Italien. Zwei Söhne wohnen in Kierspe und Brügge. Alle vier sind zweisprachig aufgewachsen, können Deutsch ebenso gut wie Flämisch, eine der beiden Sprachen in Belgien neben Französisch.

Zurück nach Belgien? Für Kaiser kommt das nicht in Frage. „Alle meine Freunde waren hier in Lüdenscheid.“ Und hier fühlt sich die Familie nun einfach zuhause, wenn für sie auch die Privilegien der belgischen Besatzer weggefallen sind und auch die Kaisers nun Müllgebühren zahlen müssen. Zum Beispiel.