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"Der Tod ist gnadenlos und macht vor keinem Halt"

Bei "Traffic-Deadline" berichten Unfallopfer und Helfer von ihren Erfahrungen

LN v. 15.10.11 - "Meine Tochter hat mich irgendwann gefragt: ‚Was für eine Stimme hatte Mama? Wie war sie?' Das hatte sie vergessen. Aber sie wird nie das Bild von ihrer Mama vergessen, wie sie mit blutendem Kopf neben ihr liegt."

 

Als Andreas Keiling diesen Satz sagt, ist es absolut still in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Dort haben sich zahlreiche Schüler zur "Traffic-Deadline", einer Aufklärungsveranstaltung des Interessenverbandes für Unfallverletzte (IVU), versammelt. Aufmerksam lauschen sie den Worten von Polizei, Rettungsdienst, Notärzten, Seelsorgern und Opfern von Verkehrsunfällen. Ziel ist es, die jungen Fahranfänger vor den Gefahren im Straßenverkehr zu warnen und ihnen die oft sehr schwerwiegenden Folgen von Unfällen vor Augen zu führen.

Und so berichtet auch Andreas Keiling von seinem bitteren Schicksalsschlag, den er vor vielen Jahren erlitten hatte. Damals ist er gemeinsam mit seiner Frau, seiner Großmutter und seiner zu der Zeit sechsjährigen Tochter im Auto unterwegs, als ihnen ein 20-jähriger Mann entgegenkommt. Anstatt der erlaubten 70 km/h rast der junge Fahrer mit 140 km/h über den Asphalt und schließlich frontal in das Auto der Familie. Die 31-jährige, zweifache Mutter, und die Großmutter haben keine Chance. Beide sterben an den Unfallfolgen. Andreas Keiling selbst wird schwer verletzt.

Begleitet von ruhiger Musik zeigt Andreas Keiling auf einer großen Leinwand zunächst Bilder seiner bis dato glücklichen Familie - dann folgen Aufnahmen des Unfallortes. Die Augen vieler Schüler füllen sich beim Anblick der Situation und der traurigen Kinder mit Tränen, immer wieder ist leises Schluchzen zu hören.

Besonders schlimm seien die Kinder im Kindergarten gewesen. Dort hätten seine Tochter und sein Sohn Sachen wie "Ätsche, bätsche, du hast jetzt keine Mutter mehr" über sich ergehen lassen müssen. Bis heute fahre seine inzwischen 21-jährige Tochter nicht alleine Auto. "Sie hat Angst. Angst, dass das, was sie als Kind erlebt hat, noch einmal passieren könnte", erklärt Andreas Keiling.

Auch Franz Vandrey wird sein Leben lang an den Tag denken, der sein Leben für immer verändert hat. Es ist der 6. Mai 1991. Kurz nach der Wiedervereinigung begibt sich Franz Vandrey gemeinsam mit seiner schwangeren Frau auf Entdeckungstour durch die neuen Bundesländer. Doch da kommt das Paar nicht an. Auf der A 10 Richtung Rostock fliegt plötzlich ein Wagen der Gegenfahrbahn auf die andere Spur und stößt mit dem Auto von Franz Vandrey zusammen. Während seine Frau mit dem Schrecken und ein paar leichten Verletzungen davonkommt, trägt Vandrey mehrfache Knochenbrüche, ein Bauchtrauma, Hirnbluten, Verletzungen an der Wirbelsäule und ein Schädelhirntrauma davon. 13 Monate verbringt er im Krankenhaus, muss hinterher neun Jahre Rehamaßnahmen ertragen.

Er zeigt den Schülern, dass neben den körperlichen und psychischen Probleme insbesondere die finanziellen Folgen schwer wiegen. "Siebeneinhalb Jahre lang habe ich mit der Versicherung gekämpft. Durch den Unfall konnte ich meinen Job nicht mehr ausüben. Ich hab nur noch ein Drittel meines Nettoverdienstes", so Franz Vandrey.

Mit Ulrich Schreiber tritt schließlich ein Geistlicher ans Rednerpult. "Ich bin Pastor und Notfallseelsorger", stellt sich der Mann in Feuerwehruniform vor. Er gewährt den Schülern einen Einblick in seine Arbeit. Dabei stellt er die Überbringung von Todesnachrichten in den Mittelpunkt seines Vortrags: "Wir können keinen Trost spenden, wir können nur da sein", weiß Schreiber aus Erfahrung.

Die Schüler verfolgen die Berichte der Referenten sehr aufmerksam. Auch als Dr. med. Dirk Wierich von den schwierigen Situationen der Angehörigen von Unfallopfern und Milo Crico von einem Kaiserschnitt bei einem schwangeren Unfallopfer im tiefsten Winter und der Koordination bei Großunfällen sprechen. Er weiß: "Der Tod ist gnadenlos und macht vor keinem Halt. "

Am Ende zeigen sich die Schüler sichtlich beeindruckt. Auch wenn einigen die Untermalung mit Musik an manchen Stellen als zu dramatisch empfanden, kommt die Botschaft der Referenten an - was an den Gesichtern der Schüler deutlich abzulesen ist.