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Abiturrede 2013

Rede der Schulleiterin Antje Malycha vom 19. Juni 2013 anlässlich der Verabschiedung der Abiturientia 2013 (Q2/G8)

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Verwandte und Freunde.

Gemeinsam mit Herrn Dr. Werth darf ich Sie heute Abend herzlich willkommen heißen, um mit Ihnen den Abschluss einer erfolgreichen achtjährigen Schulzeit am Zeppelin-Gymnasium und am Geschwister-Scholl-Gymnasium zu feiern.

114 Abiturientinnen und Abiturienten sind dabei, dem Staberg Lebewohl zu sagen. 114 Abiturientinnen und Abiturienten, die allen Unkenrufen zum Trotz den Versuchkaninchencharakter der achtjährigen Schulzeit zunehmend ignoriert und sich in ehrgeizige junge Menschen entwickelt haben, die die Schule dazu nutzten, das mitzunehmen, was ihrer eigenen Lebensplanung förderlich ist. 114 Abiturientinnen und Abiturienten, die lebensfreudig sind und mit Zuversicht in ihre persönliche und berufliche Zukunft schauen. 114 Abiturientinnen und Abiturienten, die anstelle des sofortigen Übergangs in ein Studium oder eine Ausbildung zu einem hohen Anteil ein völlig ungewisses neues  Abenteuer eingehen möchten, nämlich ein freiwilliges soziales Jahr, ein Aupair-Jahr, ein Work and Travel Jahr oder eine andere Form eines Gap Years einlegen. Die sich reif fühlen, eine solche Herausforderung anzunehmen. 114 Abiturientinnen und Abiturienten, die im Umgang mit allen schulischen Provisorien, Instabilitäten und gefühlten Katastrophen während ihrer schulischen Laufbahn zu gesunden und selbstbewussten Persönlichkeiten herangereift sind, die sich durch Robustheit und Krisenfestigkeit auszeichnen. Die nicht am Leben verzagen, nur weil sie G8 erleiden mussten.

Doch ist es nicht schließlich Ihnen als Eltern zu verdanken, dass Sie Ihre Kinder aufgefangen und aufgebaut und Fahrdienste zu Ihrem Nebenjob gemacht haben? Ja und nein, denn Eltern tragen immer durch ihre Erziehung, ihre Unterstützung und ihre bedingungslose Liebe zur Bildung ihrer Kinder bei.

Dennoch, hat G8 als Schulmodell nicht auf der ganzen Linie versagt, wie wir fast täglich immer noch aus der Presse erfahren können? Welchen Gewinn soll es haben, unter widrigen Umständen seine Schulzeit zu verbringen? Sind es nicht unhaltbarer bildungspolitische Zustände, denen Ihre Kinder jahrelang ausgesetzt waren? Trotz Nachmittagsunterricht gab es jahrelang keine Mensa, Aufenthaltsräume waren nicht vorhanden, nach sechs Stunden Unterricht konzeptionslose 60 Minuten Mittagspause, überfrachtete Lehrpläne, überforderte Lehrkräfte, unangepasste Buszeiten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Warum hat man Euch bzw. Ihren Kindern keine neun Jahre Schulzeit gegönnt, in denen Zeit und Muße war, den gelernten Stoff zu vertiefen, in Ruhe darüber nachzudenken, Euch reifen zu lassen, ohne Eure Entwicklung fortwährend beschleunigen zu wollen?
Warum hat man Euren Hobbies, Interessen, Freundschaften, vielleicht auch nur Eurem Bedürfnis nach Entspannung, Ruhe und Auszeit so viel Nachmittagsunterricht entgegengesetzt? Warum war jahrelang so viel undurchdacht und ungereimt in den Lehrplänen? Warum standen hinter dem Etikett ‚ Persönlichkeitsbildung‘ so viele hineingepumpte Informationen, wo doch eigentlich Wissensvernetzung und Bildung zu erwarten gewesen wäre?

Die Antwort ist ganz einfach: Weil man Euch konkurrenzfähiger auf dem internationalen Arbeitsmarkt machen wollte. Man wollte Euch ein Jahr schenken, ja richtig, dieser Auffassung waren die Politiker damals, als sich NRW anderen Bundesländern unterlegen fühlte, die schon längst die achtjährige Schulzeit eingeführt hatten. Man wollte Euch ein Jahr schenken, damit Ihr früher für den Arbeitsmarkt genutzt werden konntet. So hat das zwar niemand gesagt, es hieß natürlich, dass Ihr ein Jahr kostbare Lebenszeit geschenkt bekommen habt.

Diese Argumentation erinnert sehr an das Menschenbild, das in calvinistischen und puritanischen Schriften beschrieben wird und vom dem der deutsche Soziologe Max Weber bereits 1905 gesagt hat, dass es den Aufstieg des industriellen Kapitalismus beschleunigt hätte.1 Dieses Menschenbild beinhaltet, dass der Einzelne durch sein ständiges Streben, seine Disziplin und unermüdliche Arbeit, seine Enthaltsamkeit und seine Sparsamkeit einen Überschuss an Gütern und Geld erwirtschaftet, die er wiederum in größere Aufgaben investiert. Es ist ein religiöses Modell, in dem der Einzelne ausschließlich Gott verpflichtet ist.  Dies hört sich einerseits gut an, andererseits bleiben Lebensfreude und privater Gebrauch des Geschaffenen verpönt. Ein solches Menschenbild, das durch ausschließliche Strebsamkeit, Fleiß und Enthaltsamkeit von irdischen Gütern und Wohltaten gekennzeichnet ist und in dem die Persönlichkeit des Menschen zurücktritt hinter geregelte und disziplinierte Arbeitsgewohnheiten, entspricht sicher nicht mehr den Anforderungen unserer heutigen pluralistischen Gesellschaft, in der das Wohl und die Freiheit des Einzelnen ebenso wichtig sind wie das Wohl und die Freiheit unserer Gesellschaft.

Aber auch unabhängig von diesem sehr puristischen Menschenbild ist die Schule keine Anstalt, die ihre Absolventen ausschließlich wirtschaftlichen Interessen unterwerfen darf. Um es einmal überspitzt zu sagen, stünde dann in unseren Lehrplänen bei dem Stichwort für Innovationsbereitschaft: ‚Innovation‘: „Der Maßstab für echte Innovation ist eigentlich simpel: Innovation ist, wenn der Kunde Hurra schreit und sein Portemonnaie zückt. Alles andere sind theoretische Debatten aus der Tiroler DJ Ötzi School for Advanced Management Studies.2 Dieses Zitat entstammt einem Bestseller aus der Manager-Fortbildung, in der Top-Manager von BMW, IBM, Deutsche Bank und weiteren namhaften Unternehmen mit Mut, Spaß und Leidenschaft in fünf Schritten zum Business-Guerillera gemacht werden, das heißt, ihre überlegene Marktführung  behalten.
Ein anderes Zitat: „Zipp-zapp. Wir haben heute einen Wettbewerb der schnellen Schnitte. Wirtschaft funktioniert im MTV-Style. Und die guten alten Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Gemütlicher wird es nicht mehr, darauf können Sie sich verlassen. Warum ist das so? Was hat sich verändert? – Vernetzung. Es hat eine nie dagewesene Vernetzung zwischen den Menschen stattgefunden. Wir leben in einer Welt, in der es keine Geheimnisse mehr gibt.“3

Soweit ein kleiner Einblick, wenn wir Euch nur aus wirtschaftlicher Perspektive sähen, sozusagen nur nach Verwertungsinteressen betrachteten. Glücklicherweise sind wir am Staberg noch keine Zipp-Zapp-Schule geworden, sondern haben uns redlich um einen Gegenentwurf bemüht. Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, Euch neben offensichtlich erfolgreichem Unterricht, der Euch hilft, die Komplexität unserer Welt begreiflich und veränderbar zu machen, viele Erfahrungsmöglichkeiten bereitzustellen, in denen Ihr Eure Persönlichkeit im praktischen Tun entwickeln konntet:

Viele von Euch wurden zu Sporthelferinnen und Sporthelfern oder zu Lernbetreuerinnen und Lernbetreuern ausgebildet und haben jüngere Schülerinnen und Schüler betreut. Ihr habt gelernt, trotz Zeit- und Leistungsdruck Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen und Eure Interessen und Fähigkeiten in den Dienst der schulischen Gemeinschaft zu stellen. Ihr habt Euch in unglaublich vielfältiger Weise kontinuierlich für Eure Mitschüler/-innen eingesetzt:

  • beim Pausensport oder bei Bundesjugendspielen,
  • in der Lernhilfe, als Sport-Coaches bei Skifahrten,
  • als Hausaufgabenbetreuerinnen und –betreuer,
  • als Patinnen und Paten in der Erprobungsstufe,
  • als Sanitäterinnen und Sanitäter,
  • in der Wetterstation,
  • als Gestalterinnen und Gestalter von Gottesdiensten,
  • als Leiterinnen und Leiter von Arbeitsgemeinschaften,
  • als Musik-Coaches in der Gesangs- oder Orchesterarbeit,
  • in der Schülervertretung oder auf Unterstufenparties, die Ihr als bisher einziger Jahrgang zweimal erfolgreich in der Pausenhalle organisiert hat.

Diese Bereitschaft zur auffallend hohen Übernahme für Verantwortung ist das überraschendste Ergebnis nach der achtjährigen Schulzeit am Staberg. Damit konnte niemand rechnen. Wie sind diese hohe Einsatzbereitschaft und der hohe Grad an Organisiertheit zu erklären?

 „Krisen“, so bezeichnet es Matthias Horx4 in seinem Buch ‚Das Megatrend Prinzip, „sind Störungen, die Anreizimpulse in Richtung höherer Komplexität setzen.“ Ihr habt die Störungen genutzt. Sie waren Euch Anreiz, Euer Leben und nicht G8 zu verändern. Ihr seid mit G8 pragmatisch und produktiv umgegangen und habt damit all diejenigen Lügen gestraft, für die G8 keinen Raum für individuelle Entwicklung lässt.

Nehmen wir die achtjährige Schulzeit als Zeit der Krise, so hat diese am Staberg, und für den spreche ich hier, unvorhergesehene Kompetenzen bei Euch hervorgebracht. Erstens,  Ihr habt Eure Einzelinteressen, z. B. an einem guten Abitur, an mehr Freizeit oder weniger Leistungsdruck, zu keinem Zeitpunkt  im Sinne des sozialen Darwinismus mit Euren Ellbogen durchgesetzt, sondern diese immer in ein Gleichgewicht mit den komplexen Interessen anderer gebracht (= soziale Kompetenz). Statt Konkurrenz habe ich Hilfsbereitschaft erlebt.

Zweitens, Ihr habt Leistung nicht apriori gesetzt, sondern sie trotz aller Zeitnot und allem Leistungsdruck nicht nur in Einklang mit Euren, sondern in großartiger Weise auch in Einklang mit den mentalen, emotionalen, moralischen und sozialen Interessen von Euren Familien, Freunden, Vereinen oder Kirchen gebracht. Damit habt Ihr als Jahrgang - wie noch kein anderer Jahrgang zuvor - bewiesen, dass Ihr in der Lage seid, Eure bisherigen Verhaltensweisen so zu verändern, dass Ihr damit Überforderung, Widerständen, Konflikten und Gefährdungen trotzen und zunehmend zuversichtlicher mit solchen Herausforderungen umgehen konntet. So wie ein biologisches Immunsystem ein Schutz- und Reparaturprogramm bei Verletzungen ist, habt Ihr ein mentales Immunsystem entwickelt5, welches es Euch als ethisch handelnden Menschen ermöglicht hat, Euer Leben so zu ändern, dass Ihr mit Überforderung, Widerständen, Konflikten und Gefährdungen erfolgreich umzugehen gelernt habt. Dies nennt man Resilienz, d.h. Krisenfestigkeit und Stärke in Konflikten.

Dass Ihr dies nicht egoistisch getan habt, sondern Eure Schule als Lebensraum genutzt hat, in dem Ihr üben konntet, Eure Interessen mit dem Wohl der Gemeinschaft in Einklang zu bringen, zeigt, zu welch starken Persönlichkeiten Ihr geworden seid. Persönlichkeiten, die sich selbst organisieren können, Persönlichkeiten, die unsere Gesellschaft verbessern werden, Persönlichkeiten, von deren „immunitärer Vernunft“ – die Steuerung eines mentalen Immunsystems mit dem Verstand - in der Krise G8 wir alle etwas lernen können. Behaltet diese Eigenschaften bei. Alles Gute für Euren weiteren Lebensweg und DANKE!


1 Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus,
2 Anja Förster, Peter Kreuz, Alles, außer gewöhnlich. Provikative Ideen für Manager, Mitarbeiter, Märkte. Berlin: Econ 20073, S. 34
3 ebenda, S. 79
4 Matthias Horx, Das Megatrend Prinzip, DVA, München 2011, S. 306
5 Peter Sloterdijk, Du muß Dein Leben ändern. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, S. 19ff.