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Die Staberger Gymnasien am Lycée La Hotoie in Amiens 

28.03.-07.04.2000 

von Anna-Kristin Hoff

 

,,Leben wie Gott in Frankreich". ,,Paris, die Stadt der Liebe". Ein jeder hat im Laufe der Zeit schon mal eines dieser Sprichwörter gehört. Aber was ist dran, an dem Mythos ,,Frankreich"? Ist es wirklich so wunderbar im Land der Baskenmützen und Baguettes?

Dieser Frage konnten wir Staberger im vom 28. März bis zum 7. April 2000 zehn Tage persönlich auf den Grund gehen. In Begleitung von Günter Nyenhuis (GSG) und Marlies Fricke (Zepp) nahmen wir Kurs auf Amiens.

Ende März, genauer gesagt am 28., wird es ernst. Schon bei der Ankunft gegen 16.3O Uhr, vor dem Lycée la hotoie in Amiens, wird einem jeden Schüler klar, was eigentlich mit ,,Lernen für's Leben!"  gemeint ist. Jetzt macht sich das versäumte Vokabellernen und das (viel zu große) Defizit der französischen Grammatik erst richtig bemerkbar. 

Plötzlich steht sie vor einem, diese Person, von der man eigentlich nichts weiter weiß als den Namen, den man noch nicht einmal richtig aussprechen kann. Die Schmetterlinge im Bauch machen sich bemerkbar. Zehn Tage Austausch melden sich an. Wie lang Zehn Tage erscheinen können, wenn sie so viel Ungewisses verbergen! Fragen über Fragen tauchen auf. ,,Wie soll ich mich denn überhaupt verständigen? Wie bin ich nur auf diese Schnapsidee gekommen mich anzumelden, ich kann doch eigentlich gar kein Französisch? Hier ist mit Sicherheit alles ganz anders als zu Hause!"

Aber eigentlich sieht sie ja ganz nett aus, diese Französin! Während der Begrüßungszeremonie (,,Pot d'accueir') durch den französischen Schulleiter und die Deutschlehrer in der Schule ist die Unsicherheit auf beiden Seiten deutlich zu spüren. Tuscheln und neugierige Blicke sind aus allen Ecken zu vernehmen. Dann wird es ernst, die abschließenden Worte des Direktors lassen das komische Gefühl im Bauch wieder aufleben. Schnell verschwinden das letzte Stückchen Kuchen und ein Rest Orangensaft im Mund. Den viel zu vollen Koffer in der linken Hand und die überfüllte Tüte mit den sorgfältig ausgesuchten Gastgeschenken in der rechten marschieren wir zurück zur Straße. Hier heißt es Abschied nehmen von den vertrauten Gesichtern. Abschied für mindestens 14 Stunden! Na, wenn das mal gut geht!

Aber, oh Wunder! Auch die Franzosen fahren Auto! Und sie wohnen in richtigen Häusern. Selbst ein Fernseher steht im Wohnzimmer. Ich bekomme ein Zimmer ganz für mich alleine. Die häusliche Umgebung erinnert mich an zu Hause. Also, sehr fremdartig sieht es hier nicht aus. Und mit Wesen von einem anderen Stern haben die eben Kennengelernten auch sehr wenig zu tun. Spätestens beim Abendessen ist der Kloß im Hals verschwunden und die Sprachbarriere gebrochen. Mit einem Kauderwelsch aus Französisch, Deutsch und Englisch ist es gar nicht so schwierig eine Konversation in Gang zu bringen. Immer wieder erheiternd: die Verwendung der allseits beliebten Körpersprache. 

Am nächsten Morgen ist Schule. Wieder unter Gleichgesinnten werden die ersten Eindrücke des vergangenen Abends geschildert. Der Tenor ist positiv. Und während unsere Franzosen erneut die Schulbank drücken, nehmen wir zu allererst einmal das Schulgebäude unter die Lupe. Gebaut ist das Lycée, das in etwa unserem deutschen Gymnasium entspricht, in Form eines Schiffes. Biologiesaal, Klassenräume, Lehrerzimmer und Schulhof sind nicht wesentlich anders als zu Hause auch. Ein bisschen größer vielleicht. Gegen 12Uhr gibt es für einige von uns Mittagessen in der caféteria. Da das Lycée la hotoie ein sehr großes Einzugsgebiet hat, müssen viele Schüler Kilometer zurücklegen, um nach Hause zu kommen, während andere direkt um die Ecke wohnen. Und da in Frankreich der Unterricht auch Nachmittags stattfindet (seitdem wissen wir den Luxus unserer ,,Sechs-Stunden-Tage" sehr zu schätzen), lohnt es sich kaum für einen Teller Nudeln mit Soße eine Stunde Auto, Bus oder gar Bahn zu fahren. 

Der Nachmittag ist verplant mit einer Besichtigung der berühmten Cathedrale d'Amiens. Nach einer zweistündigen, sehr beeindruckenden Führung (auf deutsch) stürmen wir gemeinsam das nächstliegendste café, um unsere eingefrorenen Glieder wieder aufzuwärmen. Das Wetter spielt nämlich nicht mit und lässt es ,,Hunde und Katzen" regnen (oder war das in England?). Wie auch immer. Nach café au lait und dem ersten echten französischen crêpe, ist die Normaltemperatur wieder erreicht. Wir sind gestärkt, um es mit dem neuen Familienleben ein weiteres Mal aufzunehmen.

Freitag, 31. März. Tagesausflug an die pikardillische Küste per Reisebus. Gemeinsam mit den Franzosen machen wir an diesem Tag einen Streifzug durch ganze Jahrhunderte. Wir besichtigen eine Steilküste und haben das Gefühl in der Vergangenheit gelandet zu sein. Hinter alten verknöcherten Bäumen tauchen hier und da alte Villen a la Villa Kunterbunt auf. Ganz verlassen erscheint das kleine Örtchen, das wir nach einer guten Stunde ebenso verschlafen zurücklassen. Weiter geht es durch unzählige kleine Fischerdörfer, immer entlang der Küste. Nachmittags machen wir Halt vor dem Eingang des Vogelparks Du Marquenterre. Fast drei Stunden waten wir durch aufgeweichten, erdigen Boden, immer hinter unserem französisch-sprechenden Vogelwärter her. Viel verstanden haben wir an diesem regenreichen Nachmittag im Vogelpark nicht. Leider!

Auch am Samstag haben die Franzosen Schule, zwar nur bis 12 Uhr, aber erneut klingelt der Wecker gegen 6.30 Uhr. Das Wochenende steht ganz im Zeichen der Familie. Allgemeines Programm gibt es nicht. Und so heißt es sich wieder einmal trennen, von der Muttersprache und der ach so geliebten besten Freundin. Wer einen Austauschpartner aus dem zum Lycée gehörigen Internat ergattert hat, verbringt das Wochenende bei der noch unbekannten Familie auf dem Land. Andere fahren erneut ans Meer oder besichtigen irgendeine größere Stadt. Inzwischen an die etwas andere Kultur und die fremden Sprachklänge gewöhnt, vergehen die zwei Tage im Handumdrehen.

Montagmorgen - wieder vereint. Unterricht für die Franzosen, Shopping-Zeit für uns. Zeit, an die Daheimgebliebenen zu denken und ein paar Zeilen nach Hause zu schicken bzw. Jagd, auf Mitbringsel zu machen. Die Tage vergehen wie im Fluge. Mittlerweile hat man sich eingelebt, freut sich auf die Abende in den Familien und über jede Vokabel, die man dazulernt. Auch das Wetter hat ein Einsehen und ermöglicht es den üblichen Nachmittags-Café au lait draußen im Straßenkaffee einzunehmen. Es sieht ganz so aus, als würden sich unsere Sprichwörter erfüllen. Wunderbar!

Auf dem Programm der letzten drei Tage stehen als nächstes die ,,hortillonnages". Wie in Venedig fahren wir per Gondel, samt Gondolliere (allerdings ohne Gesang), über kleine Wasserwege, die die links und rechts liegenden Blumeninseln von einander trennen. Beete und Sträucher stehen Ende März zwar noch nicht gerade in voller Blüte, aber es lässt sich erraten, wie schön dieser Ort im Sommer sein muss. Und so etwas mitten in der Stadt! Wie war das doch gleich? ,,Lebenwie Gott in Frankreich"?

Dann endlich ist er da. Der Tag der Tage. Tagesausflug in die Hauptstadt Frankreichs. 

Die Stadt der Städte legt sich uns zu Füßen - so dachten wir. Doch es kommt anders: es regnet in Strömen, natürlich! Erwartungsvoll durchqueren wir die ersten Straßen von Paris und kleben buchstäblich an den Fensterscheiben unseres Reisebusses. Unser Besuch am Eiffelturm stellt sich als ein 5-minütiges Erlebnis heraus: aussteigen, ein Foto fürs Familienalbum, sprich ,,ich war in Paris" und weiter geht es. Nächster Punkt: Centre Pompidou. Allerdings nur von außen. Vielleicht bleibt später noch etwas Zeit, um mal hinein zu schauen. Wir steuern das Picasso-Museum an. ,,Eine Führung für eine deutsche Gruppe, heute? Da ist wohl irgendein Fehler unterlaufen! Leider steht momentan auch niemand zur Verfügung." Also laufen wir im Alleingang durch die Ausstellungsräume und interpretieren die Werke des Meisters auf ganz individuelle Weise. Die letzten Stunden verbringen wir auf eigene Faust in einem großen Einkaufszentrum. Hauptsache warm und trocken! Das war also Paris! Um dem Mythos auf die Spur zu kommen, Paris sei die Stadt der Liebe, sollte man sich vielleicht ein wenig mehr Zeit nehmen. Wir haben sie so schnell jedenfalls nicht gefunden. Schade!

Die Stunden vergehen. Eine nach der anderen. Der vorletzte Tag. Die Sonne scheint schon am frühen Morgen auf das schöne Städtchen, Amiens. Unter diesen Bedingungen fällt es schwer Abschied zu nehmen. Abschied, von der Familie, der inzwischen so vertrauten Austauschpartnerin und überhaupt allem, was man in den vergangenen zehn Tagen kennen gelernt hat. Die Schmetterlinge im Bauch sind schon längst alle weggeflogen und machen Platz für Trennungsschmerz. Jetzt geht es wieder gen Heimat. Schade. Aber zum Schluss wollen wir uns noch bedanken. Besonders bei Herrn Nyenhuis und Frau Fricke, die uns diesen Austausch schmackhaft gemacht und uns so herzlich betreut haben. Es ist schon ein Quäntchen Wahrheit dran am ,,Leben wie Gott in Frankreich".