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Rede anlässlich des Empfangs im Rathaus der Stadt Lüdenscheid

von Denis Lefèvre, 15.05.2001

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,sehr geehrte Frau Schulleiterin, sehr geehrter Herr Schulleiter,liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schüler, liebe Freunde,

Wieder einmal treffen wir uns mit Vergnügen und nach einem erstaunlicherweise höchst begossenen Frühlingsanfang in diesem prächtigen Ratssaal der Stadt unter dem aufmerksamen Auge und dem Komplizen-Lächeln des Medardus. Ehrlich gesagt regnet es bei uns seit Oktober, das heißt seit dem letzten Besuch der deutschen Gruppe aus Lüdenscheid in Saint-Quentin fast ununterbrochen. Da wir unser Wetter nach Osten immer gern exportieren, hat Ihre Schutzfigur im Laufe der letzten Monate vermutlich nicht faulenzen können.

Wie schnell die Zeit vergeht! Unsere Beziehungen bestehen heute seit mehr als 20 Jahren und sehen aus wie das Gesicht einer Zwanzigjährigen, faltenlos und strahlend. Die Begeisterung ist immer da, und die Zusammenarbeit zwischen Collège Gabriel Hanotaux und Lycèe Henri Martin hat dem Austausch einen sichtbar neuen Schwung gegeben.

Wir selbst sind älter geworden, aber hartnäckig geblieben, und keiner unter uns findet einen einzigen Grund, um sein Engagement für diesen bescheidenen Austausch zu verneinen.

Der 22. Hochzeitstag heißt bei Ihnen der Rosenhochzeitstag plus zwei. Zweiundzwanzig Jahre, eine kurze und lange Zeit, die einer wichtigen Lebensperiode entspricht, im Laufe derer wir gesehen haben, wie unsere ersten Teilnehmer zu Familieneltern geworden sind. Sie haben heute Kinder und fragen sich, welche Fremdsprachen ihre Kinder lernen sollen. Auf diese wichtige Frage werfen wir einen unveränderten Blick. Englisch darf nicht im Euroland übermächtig werden, obwohl ein starker Wind in diese Richtung weht. Deutsch in Frankreich und Französisch in Deutschland dürfen nicht zu Randsprachen werden. Unsere Behörden haben leider zu lange gewartet und wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand gesteckt, ohne die notwendigen Maßnahmen frühzeitig genug zu treffen. Mit der tagtäglichen Wiederholung und der Behauptung, dass Englisch die notwendigste Sprache auf der Welt ist, dass Englisch und Spanisch viel leichter sind, sieht nun der Auftrag der Deutsch- und Französischlehrer hüben wie drüben wie ein verlorener Kampf aus. Es ist ja immer schwer, gegen Trends zu kämpfen, um so mehr, wenn das Goethe-Institut in zwei großen Universitätsstädten wie Lille und Toulouse geschlossen wird.

Mit dem 21. Jahrhundert fängt eine neue Zeit an, in der sich die Bevölkerung, die durch die täglichen Lebensschwierigkeiten, die Arbeitslosigkeit und den Zweifel an einer besseren Zukunft erschüttert wird, von schnellen und scheinbar leichteren Kommunikationsmitteln angezogen fühlt und heute lieber auf Anstrengungen verzichten will, die sie für unnütz hält, zum Beispiel, was das Lernen der französischen oder der deutschen Sprache anbelangt.

So fallen die französischen Schüler der ersten Klassen des Collège über das Englische als erste Fremdsprache her und wählen zwei Jahre später das Spanische als zweite Fremdsprache in immer steigender Anzahl. Das will ich heute noch ganz deutlich wiederholen: der Euro in einem gemeinsamen Monetärrahmen JA, eine einzige Ausdrucksform unter einem gemeinsamen Sprachjoch NEIN.

Die Einführung neuer und lebendiger Unterrichtsmethoden hat dieses Schwärmen nicht genug zurückhalten können. Dass der Handelsaustausch zwischen unseren beiden Ländern so wichtig ist und circa 30% der gesamten Austausche mit den anderen Ländern bedeutet, ist kein Argument mehr für die Eltern. Sogar die Nähe unserer Länder wird nicht mehr beachtet. Dies ist die heutige Wirklichkeit, gegen die wir uns erheben  und wirken müssen.

Wir dürfen uns auch die Frage stellen, in welcher Lage wir heute wären, wenn schon nach Kriegsende die deutschen und französischen Behörden die wohlbekannte Politik der Stadt- und Schulpartnerschaften nicht gefördert hätten.

Aber auf Ihrer Seite könnte das Interesse der Schüler für's Französische im Laufe der kommenden Jahre aus den gleichen Gründen auch abnehmen. Vielleicht spielt noch die fast überall in Deutschland anzutreffende Unmöglichkeit, Französisch als erste Fremdsprache in Klasse 5 zu wählen, eine negative Rolle. Es wäre also wünschenswert, dass dieser Punkt in der Organisation Ihres Bildungssystems jetzt auf nationaler Ebene in Frage gestellt wird.

Jedoch können wir auch nach diesen 21 Jahren das Positive hervorheben:

  • Angst vor dem Fremden und Vorurteile sind zurückgewichen. Die Jugendlichen brauchen fast keine Anpassungszeit mehr, wenn sie bei den Korrespondenten ankommen.

  • Neugier und Entdeckungslust sind fortgeschritten, so dass deutsche und französische Familien einander besuchen.

  • Der Begriff Grenze ist fast total verschwunden, und es wird nicht mehr vom Ausländer gesprochen, sondern vom Nachbarn.

Deswegen muss auch unser Schüleraustausch weiterleben und der Optimismus der Stärkere sein. Zu diesen optimistischen Perspektiven führen uns jedes Jahr die Familien dieser Jugendlichen, die die Berechtigung unseres Verfahrens wohl verstanden haben und am Erfolg der Austausche eine entscheidende Rolle spielen.

Jetzt heißt es, endlich zum Schluss zu kommen. Ich will zunächst der Stadt Lüdenscheid und ihren Bürgermeistern herzlich danken, da sie uns jedes Jahr die Tür weit aufmachen. Dabei sprechen sie immer ihre Unterstützung und ihre Aufmunterung öffentlich aus.

Wie jedes Jahr will ich auch unseren Kolleginnen und Kollegen der beiden Gymnasien unseren Dank aussprechen für ihre stetige Zuverlässigkeit und für die Mühe, die sie sich immer geben, um ein einwandfreies und wohltuendes Programm zustande zu bringen.

Zuletzt freue ich mich über die Anwesenheit der Presse - sie ist sowieso immer da -, weil sie den Lesern über deutsche und französische Familien berichtet, die sich ohne Zurückhaltung für Europa engagieren, damit ein junger Nachbar sich glücklich und motiviert fühlt.

Unsere beiden Schulleiter und die französischen Familien lassen allen Gastfamilien, die uns nach wie vor in diesem Unternehmen geholfen haben, ihren besten Dank und ihren freundlichen Gruß ausrichten. Und wir alle hoffen, dass es ihren Kindern bei uns ebenso gut gefallen hat.

Als Zeichen des Dankes und damit Sie unsere Stadt noch besser kennen lernen, möchte ich Ihnen, Herr Bürgermeister, im Namen unserer beiden Schulen, dieses Geschenk überreichen. Darin finden Sie eine persönliche Überraschung.